Hafenkino – So wirst Du beim Anlegen in der Box auch als Einhandsegler zum Star

Heckpfähle verpasst. Der Klassiker für jedes gute Hafenkino rächt sich spätestens bei Hafengebür für zwei bis drei Boxen

Heckpfähle verpasst. Der Klassiker für jedes gute Hafenkino rächt sich spätestens bei Hafengebühr für zwei bis drei Boxen

Spätestens wenn die ersten Popcornverkäufer am Steg ankommen, ist jedem klar, dass ein Neuer in den Hafen kommt. Gerade Einhand in einem fremden Hafen anzulegen bietet jede Menge Chancen für kleine und große Katastrophen. Dabei zuschauen liebt jeder Segler und wie im richtigen Kino haben nur die wenigsten Spaß daran, auf der Leinwand zu erscheinen.

Allein der Skipper entscheidet, ob An- und Ablegen unter verhaltenem Schmunzeln, resigniertem Kopfschütteln, zustimmendem Nicken oder sogar spontanem Applaus mündet. Wenn man sich den kritischen Blicken schon nicht entziehen kann, sollte man zumindest versuchen, die zugewiesene Rolle gut auszufüllen. Mit Hilfsleinen und einer kleinen Showeinlage verwandelst Du das Hafenkino in Deine Vorstellung:

Boxen-Show

Gerade das Anlegen in Boxen ist oft genug schon mit Crew ein kleines Kunststück. Weht es kräftig entlang der Pfahlreihen, hatte ich früher oft versucht, mit „viel Schwung“ die Ruderwirkung zu erhalten. Erst im letzten Augenblick, oft viel zu schnell, geht der Schalthebel dann auf Rückwärtsfahrt, Heckleinen müssen über Pfähle geworfen werden und landen meist daneben oder haben zu kleine Augen. Allein an Bord folgt dann der Hechtsprung zum Vorschiff. Leine greifen und an Land springen, bevor man zu weit abgetrieben ist.

Liegeplätze in Boxen smachen nur bei Windstille Spaß. Mit ein bisschen Geduld kommt man auch bei Sturm sicher in die Box

Liegeplätze in Boxen machen nur bei Windstille richtig Spaß. Mit ein bisschen Geduld statt zu viel Schwung, kommt man aber auch bei Sturm sicher in die Box

Das es auch anders geht, habe ich erst später gelernt: Weht es stark, drehe ich mich heute im Schneckentempo in die Box. Das sieht oft auf den ersten Blick nach einem verkorksten Manöver aus, vermindert aber das Risiko, abzutreiben und die Vorleine über das Nachbarboot an Land tragen zu müssen:

Gleich zu Beginn meiner Weltreise kam im Hafen von Lohme auf Rügen noch hinzu, dass meine vorbereiteten Heckleinen für die großen Boxen viel zu kurz waren. (Merke: Die hübschen Pakete mit Festmacherleinen vom Yachtausrüster sind immer zu kurz!) Durch Zufall habe ich an diesem Tag eine recht einfache Methode zum Einhandanlegen bei kräftigem Seitenwind für mich entdeckt: Seit dem fahre ich mich in so einem Fall quer vor die Pfahlreihe und lege erst einmal eine Box weiter in Luv an. Hier kann ich in ruhe alles für das kommende Manöver vorbereiten.

Erwähnte ich schon: Lange Festmacher sind unheimlich praktisch! Meine Leinen (zumindest während des Manövers) sind vorn 25 Meter lang, meine Heckleinen 15 Meter.

Hier belege ich zwei Leinen am späteren Luv-Pfahl. Eine Hekleine (grün) und eine Hilfsleine (Violet).Von diesem Pfahl aus lasse ich mich langsam zurücktreiben, um neben den späteren Lee Pfahl zu gelangen. Die Maschine ist dabei die ganze Zeit im Leerlauf. Bestenfalls nutze ich den Radeffekt, um sicher neben den Pfahl und nicht schon in die Box geweht zu werden. Trotz kachelnder sechs Beaufort passiert das alles ganz entspannt und ohne auch nur einmal das Ruder anzufassen.

Einhandsegler beim anlegen in einer Box in Sturm oder Starkwind mit einer Hilfsleine

Einhand ohne Stress in die Box: Mit zwei langen Hilfsleinen ist Anlegen selbst im Sturm unkompliziert und Stressfrei.

Am Lee-Pfahl belege ich ebenfalls eine Heckleine (blau) und eine Hilfsleine (gelb). Nur noch mal zur Sicherheit: Die Hilfsleinen müssen mindestens doppelt so lang wie die Box sein.

Jetzt kommt die Maschine ins Spiel und die Hafenkino-Show wird komplett. Denn vermutlich stehen jetzt schon die ersten fünf bis zehn Schaulustigen apathisch am Steg und warten auf Popcorn, Crash und Katastrophen. Vielleicht ruft auch einer „Wirf eine Leine rüber“. – Das wäre jetzt aber der größte Fehler. Denn nichts ruiniert ein gut geplantes Manöver so sicher, wie ein nichteingeweiter Helfer an Land. – Also leichte Fahrt voraus!

Mit Hilfe der Maschine wird das Boot in die Leinen gedrückt und kann dann ausgerichtet werden. Zur Not kann bei Seitenwind diesen Part auch das Vorsegel übernehmen.

Mit Hilfe der Maschine wird das Boot in die Leinen gedrückt und kann dann ausgerichtet werden. Zur Not kann bei Seitenwind diesen Part auch das Vorsegel übernehmen.

Die Hilfsleine in Lee (gelb) wird über eine Winsch (!) auf Zug gebracht, die in Luv ist es allein durch den Wind sowieso und geht ebenfalls über eine Winsch. Enden alle Leinen mit genügend losem Ende im Cockpit, braucht der Einhand-Star das Cockpit nicht einmal mehr zu verlassen (Bild 2). Die Nase des Bugs dreht sich ganz langsam in die Box und die Zuschauer halten den Atem an. Ausschlaggebend für die Drehung ist der Zug auf der gelben Leine. Die Drehung endet automatisch, wenn die Hilfsleine in Luv, wie in Bild 3, erneut auf Spannung kommt. Das kann bei sehr viel Wind durchaus einen kleinen Ruck geben. Ist die Leine vorher ordentlich belegt, muss sich der Skipper aber darum nicht kümmern und kann stattdessen beginnen, beide Luv-Heckleinen dicht zu holen, damit sie nicht in die Schraube geraten.

Sauper ausgerichtet liegt das Boot stabil den Festmachern. Nun müssen nur noch die Vorleinen an Land belegt werden. Die Hilfsleinen sind auch für das Ablegen hilfreich und können in Position bleiben.

Sauber ausgerichtet liegt das Boot stabil den Festmachern. Nun müssen nur noch die Vorleinen an Land belegt werden. Die Hilfsleinen sind auch für das Ablegen hilfreich und können in Position bleiben.

Je nach Stärke des Windes ist ab jetzt mehr oder weniger Maschine nötig, um das Boot in Position zu halten. Mit Ruder mittschiffs geht ab jetzt alles über die Leinen. Beide Hilfsleinen und die Heckleine werden langsam, eine nach der anderen reihum gefiert und wieder belegt, bis das Boot mittig in der Box etwa 30 Zentimeter vorm Steg ankommt. Hier kann man mit einem etwas selbstgefälligen Lächeln zum Bug gehen, einem der Zuschauer die echten Vorleinen zum Belegen geben und den Motor stoppen. – Vielleicht ist ja noch Popcorn übrig.

Von | 2016-10-25T08:48:02+00:00 16. Dezember 2015|Tipps fürs Boot|16 Kommentare

About the Author:

Seit über zehn Jahren schreibt Hinnerk als Wassersportjournalist über Segeln, Technik und Reisen auf dem Meer. Unter anderem ist er häufig in der "segeln" zu lesen und macht mit dem Segelradio einen eigenen Podcast. 2013 hatte er die Idee mit SegelnBlogs ein Blognetzwerk und Online-Magazin mit Schwerpunkt im Fahrtensegeln zu gründen.

16 Comments

  1. Karin Vietheer 16. Dezember 2015 um 14:03 Uhr - Antworten

    Hallo, ich kann nicht segeln, kann mir dies „Einparken“ aber dank der präzisen Beschreibung gut vorstellen. Die Grafiken sind Spitze und sehr anschaulich.

    Schöne Grüße
    Karin

  2. Oliver 16. Dezember 2015 um 15:58 Uhr - Antworten

    Danke für die Beschreibung!
    Nach ein paar Törns ‚ohne Verantwortung‘ habe ich dieses Jahr Einhand mit einer eigenen Albin Vega angefangen.
    Ohne Scheuerleiste oft sehr kniffelig und um einen Pfahl herum drehen ohne Kratzer nicht möglich, oft schon blöd, wenn andere sich in einer Schleuse’ruppig‘ dranhängen.
    Was hilft, welchen Trick gibt es da?
    Ein Fenderbrett oder längliche Fender horizontal anbringen?
    Wie macht Ihr das?
    Gruß Olli

    • Hinnerk Weiler 16. Dezember 2015 um 23:21 Uhr - Antworten

      Ich habe ein langes Tau als Scheuerleiste. Das hat sich gerade Einhand schon oft ausgezahlt, da sind die Fender irgendwie dauernd nicht da, wo sie gebraucht werden. Und mit dem Tau gibt es zur Not auch beim Nachbarn keine Kratzer.

  3. Klaus 16. Dezember 2015 um 18:29 Uhr - Antworten

    Ich habe die Anleitung auch mehrfach lesen müssen, bis ich sie ganz verstanden habe. Ich halte das für machbar und im Prinzip eine guten Tipp, lange Leinen habe ich an Bord. In NL sind die Boxen nur leider oft nicht sooo lang. Leider, weil die HEcks der Nachbarschiffe öfter hinten rausragt. Damit kann man das im Ansatz vergessen. In der Ostsee ist das anders, ich erinnere mich da an die Ringe in Bagenkop, die man ohne Hilfe nicht belegen kann. Ein weiteres Problem, das ich schon mehrfach hatte: wenn mehrere Leinen über eine Klampe laufen verklemmen sich die gerne bzw. stellen dann so eine hohen Widerstand dar, dass man die Hilfsleinen gar nicht auffieren kann, weil der darunter liegende Festmacher für den Bug, der ja schon angeschlagen sein muss, die Hilfsleine bekneift oder stark bremst. Ich bin bei solchen Leinenmanövern schon so abgebremst worden, dass auch mt Vollgas nichts mehr ging. Und ich spreche hier von Handy-Elastic und nicht von geschlagenem Tauwerk.

  4. Ralf 16. Dezember 2015 um 23:06 Uhr - Antworten

    Hallo lieber Hinnerk,
    ich finde Deinen Blog superklasse, insbesondere diese tolle Beschreibung des Anlegemanövers.
    Beste Grüße
    Ralf

  5. Christoph 17. Dezember 2015 um 22:04 Uhr - Antworten

    Hallo Hinnerk,

    das klingt ziemlich einfach. Hast Du das auch schon römisch-katholisch probiert?

    Gruss
    Christoph

    • Hinnerk Weiler 19. Dezember 2015 um 13:58 Uhr - Antworten

      Nein, da gehe ich anders mit vor. Dieses Manöver ist ohne Heckpfähle nicht möglich.

      Hinnerk

  6. Christoph 19. Dezember 2015 um 13:16 Uhr - Antworten

    Hallo Hinnerk,

    warum legst Du bereits eine Box früher in Luv an, und nicht bereits an Deiner geplanten Box vor den Pfählen? Dann bist Du an Deinen Pfählen, kannst Hilfsleinen und Heckleinen an den Pfählen festmachen.

    Auch hier brauchst Du Dich nur kurz zurücktreiben lassen, hast die Leinenarbeit aber schon erledigt.

    @ Klaus: Du kannst auch die Hilfsleinen anstelle über die Klampe über die Bugklüse zur Winsch führen. Damit vermeidest Du das Bekneifen.

    Gruss
    Christoph

    • Hinnerk Weiler 19. Dezember 2015 um 13:55 Uhr - Antworten

      Weil…. manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht 🙂 Natürlich geht das auch.
      Hinnerk

  7. Kurt Beiersdörfer 19. Dezember 2015 um 20:38 Uhr - Antworten

    Hallo Hinnerk,

    ich will in der nächsten Saison auch mit Einhandmanövern anfangen und habe daher deine Beschreibung eingehend studiert. Was ich nicht verstehe ist, warum man in Lee überhaupt leinen braucht. Das Boot muss doch nur in Luv gehalten werden. Oder seh ich das falsch?

    Beste Grüße

    Kurt

    • Hinnerk Weiler 20. Dezember 2015 um 21:32 Uhr - Antworten

      Jein, auf die Hilfsleine in Lee kann zur not verzichtet werden. Die Heckleine brauchst du aber 1. Später ja sowieso und 2. weil du mit ihnen bestimmst, wie Du Dich seitlich in der Box positionierst. Je loser du die Lee-Leine gibst, desto weiter nach Luv gerätzt du ganz automatisch. Ganz ohne Leine nach Lee wird das Boot schwerer zu kontrollieren und du wirst früher oder später den Luv Pfahl direkt Achteraus haben. Ohne Leeleinen ist das Ergebnis ohne eine zweite Person an Bord, die ständig mit dem Gas spielt und gefühlvoll am Ruder arbeitet recht unvorhersehbar.

      • Kurt 21. Dezember 2015 um 15:04 Uhr - Antworten

        Das mit der Heckleine hab ich kapiert und es wird ja ohnehin so sein, dass die Lee.Heckleine die LuvHilfesleine unterstützt (wie umgekehrt die Luv Heckleine die Lee-Hilfsleine). Werd es so bald als möglich mal ausprobieren.

        Grüße

        Kurt

  8. Chris 30. Dezember 2015 um 23:39 Uhr - Antworten

    Das hat was. Danke für den Tip !
    Man(n) lernt nie aus !

  9. Steffen Storbeck 11. April 2016 um 9:26 Uhr - Antworten

    Hallo Hinnerk, super Anleitung. Welche Leinenstärke empfiehlst Du für die Hilfsleinen für ein 10…12m Boot mit Verdrängung 3…6 Tonnen? Dünne Leinen sind leichter zu handhaben, dicke brechen nicht beim Einrucken. Was hältst Du von schwimmfähigen Polypropylen-Leinen? Halten nicht soo viel wie Polyester, (ev. dickere auswählen?), aber schwimmen und kommen nicht in die Schraube. viele Grüße, Steffen

    • Hinnerk Weiler 18. April 2016 um 6:58 Uhr - Antworten

      Moin Steffen, gerade mit Blick auf die Möglichkeit Leinen aus der Hand zu fahren, ist Dicke Trumpf. Auf meiner Schleusenfahrt durch die USA habe ich sogar Liros Handy Elastic 25mm Leinen benutzt. Keine Schwielen, kein in die Handfläche schneiden. Ganz so groß muss es natürlich nicht sein. Außerdem gebe ich Dir recht, schwimmfähige leinen sind natürlich ein Sicherheitsplus.

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