Quelle: Bild.de – von uns unkenntlich gemachte
Fotografien aus an Bord gefundenen privaten
Fotoalben.)

Als Sonntag Abend parallel zum Tatort die ersten Meldungen zum Fund eines offenbar führerlosen deutschen Segelschiffs in der Südsee über die Newsticker liefen, haben wir überlegt, wie wir damit umgehen wollen. Ein Segelboot, ein toter Segler, wenig deutet darauf hin, dass ein Verbrechen passierte. Was sollen wir darüber berichten?

Bild.de Schlagzeile vom Montag

Quelle: Bild.de (Da das Aufmacherbild nach unserer Auffassung gegen die Richtlinien des Pressekodex verstößt, haben wir darauf verzichtet, den Artikel direkt zu verlinken.)

Meldungen dieser Art sind selten und nicht einfach in unserer kleinen, sonst von Sonne, blauem Meer und schönen Erlebnissen geprägten Nische. Wir trauern um einen Segler und hoffen, dass seine letzten Stunden auf See der Augenblick der Erfüllung waren, den wir uns alle wünschen würden. – Das wir die Geschichte aber nicht aufgegriffen haben, liegt vor allem an den Grundsätzen, denen wir uns als Journalisten verschrieben haben.

Gerade bei solchen Meldungen wächst aus diesen Grundsätzen eine hohe Verantwortung: Ein oberstes Gebot dabei ist, dass Persönliches solange persönlich bleibt, wie kein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung überwiegt. Bei der Entscheidung, die Meldungen nicht weiter aufzugreifen, hat die Privatsphäre des Seglers für uns überwogen. Die Frage nach der Notwendigkeit einer Berichterstattung haben wir mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Er selbst und sein Schiff haben nie in der Öffentlichkeit gestanden und so sollte es unserer Meinung nach auch bleiben. Mehr noch: Unsere Gedanken sind auch bei den Angehörigen und Freunden des verstorbenen Skippers, die nun sein Leben in den Medien anhand auf die Schnelle zusammengesuchter Informationen beschrieben finden. Mit vermeintlichen Fakten, die niemanden von uns zu interessieren haben.

Heute morgen fanden diese Menschen auf der Webseite bei Bild-Online Fotos, die einen lieben Menschen, vielleicht Freund, Vater oder Bruder als Leiche zeigen. Nicht verpixelt, gestochen scharf. Betitelt mit Beschreibungen vom Grad der Verwesung in fetten Lettern. Hundertfach geteilt in Segelgruppen, bei Facebook, Twitter und in anderen Sozialen Netzwerken. Das hat uns das Frühstück im Halse stecken lassen und darin bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Eine derartige Sensationsgeilheit hat in dem Lebensstil den wir gewählt haben keinen Platz.

[Zur Erinnerung ein Auszug aus dem Pressekodex. Darin steht im ersten Artikel:]
Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.
[Artikel 8 regelt noch deutlicher:]
Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.
[Artikel 11.1 regelt noch deutlicher:]
Unangemessene Darstellung
Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.
Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Wir trauern heute daher nicht nur um einen Segler, sondern auch darum, dass seine Geschichte, als Teil einer Klickmaschine missbraucht, das unterste Niveau journalistischer Arbeitsauffassung bei einigen unserer Kollegen zutage geführt hat.

Dabei hätte die Geschichte durchaus etwas Berichtenswertes für die Segelzene zu bieten gehabt: Las man in den letzten Monaten vom Segeln im asiatischen Raum, war meist von geplünderten Schiffen oder sogar Entführungen zu lesen. Leicht erweckte das den Eindruck, dass in diesem Teil der Welt ein Menschenleben und sein Schicksal nichts zählt.

Nun fällt das einzig erfreuliche – das einzig im öffentlichen Interesse liegende – an dieser Geschichte meist nur in einem Nebensatz: nämlich, dass hier Fischer ein Schiff fanden, es abschleppten und die Behörden alarmierten. Damit haben sie vielleicht einer Handvoll Menschen die längst überfällige Gewissheit zum Verbleib eines Vermissten gegeben. Statt deren schlimmste Stunden nun durch phantasievolle Horrorgeschichten zu verstärken, sollten wir Journalisten uns diesen Fischer zum Vorbild nehmen und uns in aller Stille zurückziehen.