Niemand will seinen Urlaub in der Fahrrinne verbringen – So entstehen Seekarten

Auf dem dunklen Holz des Kartentisches liegt eine Seekarte der Kieler Bucht. Am linken Kartenrand steht in dezenten grauen Lettern der Schriftzug „Nautische Veröffentlichung Verlagsgesellschaft mbH“. Im unteren Drittel ist der Leuchtturm Kiel verzeichnet, nordwestlich davon eine weit herausgezogene Richtfeuerlinie, die den sicheren Weg in die Eckernförder Bucht weist. Viele Segler lassen sie abseits liegen, ohne zu ahnen, dass an ihrem Ende in Eckernförde die bordeigenen Seekarten entstehen.

Außen traditionell, innen modern: Seit dem Umzug des Familienunternehmens 2012 von Arnis an die Ostsee entstehen hier die Seekarten des NV-Verlags hinter den denkmalgeschützten Backsteinmauern eines ehemaligen Marinebaus.

Seekartenmacher: Jeppe Scheidt (l) und Olaf Gaedken gewähren Einblicke in die Entstehung von Seekarten. (Foto: S.Neumann)

Seekartenmacher: Jeppe Scheidt (l) und Olaf Gaedken gewähren Einblicke in die Entstehung von Seekarten. (Foto: S.Neumann)

Seit mehr als 35 Jahren steht das Unternehmen für Spezialkartographie. – Vor allem, aber nicht nur für die Sportschifffahrt.

Die Verlagsgründer Hasko und Cornelia Scheidt führen die Geschäfte gemeinsam mit ihren Söhnen Jeppe, Birger und Espen Scheidt, wobei jedes Familienmitglied die Verantwortung für einen Teilbereich des Verlages trägt. „Wir wollen moderne und innovative Seekarten machen“, erklärt Jeppe Scheidt. Und gewährt mit seinem Kollegen Olaf Gaedke einen Einblick in das Kartenmachen und die Arbeit des Verlages.

So entsteht eine Seekarte

Allein die beteiligten Berufsgruppen lassen erahnen, wie komplex die Welt der Seezeichen und Tiefenlinien zu einem Bild zusammengesetzt ist. Olaf Gaedke betreut als Verlagskaufmann den Vertrieb des Verlages, Jeppe Scheidt ist Hydrograph und im Unternehmen für die Seevermessung verantwortlich. Außerdem gehen die Karten während ihrer Entstehung mehrmals durch die Hände von Nautikern, Kartographen, Geographen und Informatikern. – Erst dann finden sie an Ihren Weg an Bord und hinaus aufs Wasser. „Gründliche Marktanalyse und Kenntnis der Datenlage sind wichtig, um das optimale Produkt für den Nutzer zu machen“, sind beide sich einig.

Ein Gespür für das Revier entwickeln

Doch bevor die erste Tiefenlinie Ihren Platz auf der Karte findet, gilt es, sich ein Bild des Reviers zu machen: Für die Kartenmacher gehört auch fast 300 Jahre nach James Cook die Bereisung an den Anfang jeder Seekarte. Wo liegen wichtige Ansteuerungen, welche Gefahrenstellen gibt es, wie verlaufen die Strömungen? Die Mitarbeiter wollen vor Ort selber ein Gespür für das Revier entwickeln und verfügen zudem über ein großes Netzwerk lokaler Kontakte, die sie mit aktuellen Informationen versorgen. Gute Revierkenntnis ist ein Schlüsselkriterium für die Arbeit der beiden Kernabteilungen des Verlages: Der „Nautischen Redaktion“ und der „Kartographie“.

Bei der Bereisung fällt die Nautische Redaktion erste grundlegende Entscheidungen, z.B. über sinnvolle Maßstäbe, die Abdeckung bestimmter Seegebiete und Hervorhebungen mit Detailkarten. Das ist wichtig für das spätere Kartenbild. Das wiederum entsteht in der Kartographie. „Die Nautik trägt die bestmöglichen Datenquellen auf See aber auch an Land zusammen und bewertet sie inhaltlich. Die Kartographie fügt die Daten zu einem gut lesbaren Kartenbild, Layout und Design zusammen“, beschreibt Jeppe Scheidt das enge Zusammenspiel der beiden Bereiche.

Vom Datensatz zum Kartensatz

Alle Veränderungen werden sorgfältig auf der Seekarte dokumentiert. (Foto: S.Neumann)

Alle Veränderungen werden sorgfältig dokumentiert. (Foto: S.Neumann)

„Es passiert täglich etwas, allein im Ostseeraum gibt es um die 4000 Veränderungen im Jahr“, sagt Olaf Gaedke über die Datenbeschaffung.

Ob nun NV. Serie 1 Rund Fünen oder eine entlegene Ankerbucht in der Karibik: Rohdaten aus den unterschiedlichsten Quellen werden fortlaufend erfasst und in den Datenbanken des Verlages auf aktuellem Stand gehalten.

„Wir verwenden die besten uns zu Verfügung stehenden Quellen.“ Das sind zunächst die nationalen Behörden, wie in Deutschland unter anderem das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), die etwa die Lage der Seezeichen exakt erfassen.

Jeppe Scheidt erklärt die umfangreiche Recherche: „Selbst in den gut erschlossenen europäischen Gebieten ist die Datenlage sehr unterschiedlich. In den Niederlanden beispielsweise, kommen verschiedene Zuständigkeiten für Ijsselmeer, Waddenzee und Tiefwasserbereich hinzu.“

Daher steuern eine Fülle weiterer Stellen Rohdaten bei. Das können Informationen zu Tiefenangaben von Ingenieursbüros oder auch Beobachtungen der Kartennutzer selbst sein. Dort, wo Daten nicht ausreichen oder Unstimmigkeiten gemeldet werden, gehen die Mitarbeiter des Verlags auch mal selber ans Vermessen. „Zum Beispiel bei Beobachtungen zu abweichenden Tiefenangaben, die uns gemeldet werden“, erklärt Jeppe Scheidt. Olaf Gaedke ergänzt „Unser Vermessungs-Boot können wir lokal für die Nachvermessung kleinerer Gebiete einsetzen – das ist dann auch mal eine schöne Abwechslung zur Vertriebsarbeit.“

Informationen von Hafenbetreibern fließen schließlich ebenso ein wie Satellitenbilder und Luftaufnahmen. Und auch im Zeitalter von GPS dürfen natürlich Informationen für Kreuzpeilung nicht fehlen: Positionen von Landmarken, wie Windrädern oder Schornsteinen kommen meist direkt von den Vermessungsämtern.

Planung: Auf der Kreuzkarte werden alle Veränderungen für spätere Auflagen der Seekarte festgehalten. (Foto: S.Neumann)

Planung: Auf der Kreuzkarte werden alle Veränderungen bei bestehenden Seekarten für spätere Auflagen festgehalten. (Foto: S.Neumann)

Die Nautische Redaktion fügt so Datensatz um Datensatz zusammen und entscheidet, welche Elemente besonders hervorgehoben werden oder gar die Übersicht stören würden. Details wie die auffällige rote 2-Meter Tiefenlinie und weit herausgezogene Sektoren wichtiger Ansteuerungen ermöglichen die schnelle Orientierung. Große, für Sportbootfahrer ohnehin nicht so relevante Tiefen sind einfach durchgehend weiß kartiert, da feine Farbabstufungen hier eher ablenken würden.

All diese Daten in eine gut lesbare Form und ein stimmiges Layout zu bringen, ist Aufgabe der Kartographie. Dass dies detailverliebt geschieht, erläutert Olaf Gaedke am Beispiel der Leuchturm-Zeichnungen. „Die Kunden schätzen diese Darstellungen am Kartenrand besonders, da sie bei unbekannten Ansteuerungen enorm helfen“.

Alle Datenelemente von der Ansteuerung über die Betonnung bis hin zu geltenden Verordnungen finden so in der Kartographie ihren Platz auf der Seekarte, die dann noch einmal an die nautische Redaktion zurückgeht. Fünf Augenpaare überprüfen hier abschließend die Übereinstimmung mit den Quellen.

Mit Anlegedreieck und App

Am Computer ist aus endlosen Datenreihen eine aktuelle, gut lesbare Seekarte entstanden. Die Datei ist dann die Grundlage für das zweidimensionale Papierprodukt und auch für die digitale Seekarte. Ebenso eng verzahnt wie zuvor Nautik und Kartographie arbeiten ab hier die „Digitale Produktion“ und das „Produktmanagement“.

Das Portfolio des NV-Verlags hat Seekarten aus Papier mit digitaler Navigation auch optisch verknüpft. (Foto: NV-Verlag)

Das Portfolio des NV-Verlags hat Papierkarten und digitale Navigation auch optisch miteinander verknüpft. (Foto: NV-Verlag)

Erstere übernimmt das Ruder und macht die Kartenauflage fit für Plotter und die hauseigene Karten-App. „Das Tolle ist, dass es uns gelungen ist, eine Navigations-App mit umfangreichen Features zu entwickeln, die offline auf allen gängigen Plattformen läuft. Die Aktualisierungen bieten den Kunden kostenlos neue Entwicklungen, wie die Einbindung des eigenen AIS Signals oder eines Ankeralarms, den wir auf Kundenwunsch hin umgesetzt haben.“ Die Optik der digitalen Karte entspricht genau der unserer Papierkarten. „Der Benutzer findet sich dadurch sofort zurecht“.

Das Produktmanagement schnürt ein sinnvolles, nutzerorientiertes Gesamtpaket. So werden seit 2013 alle Auflagen als Kombipaket aus Papierkarte und App vertrieben. „Das Produkt ist damit in sich verknüpft und bietet dem Kunden eine Komplettlösung“. Hier greift der NV Verlag Trends und Kundenanfragen auf. So besteht neuerdings die Wahl zwischen Plano-Seekarte, also einzelnen Bögen, und handlichem Atlasformat.

Anlegedreieck und App schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich perfekt – und auch für das Alternativprogramm an Land halten Hafenhandbücher und die digitale Version umfangreiche Informationen bereit.

Die Pflege der Karten liegt jetzt beim Skipper: Egal ob Papier oder digital – ein monatlicher Berichtigungsservice per email hält Kunden auf aktuellstem Stand. Die Aktualisierungen bieten Korrekturausdrucke für das Papier und Updates für die elektronische Version. Kurzfristige, aktuelle Meldungen wie Brückensperrungen gibt es zudem auf der Internetseite des Verlags und wichtige Informationen werden auch via Facebook verbreitet.

Zielgruppengerecht

„Zielgruppengerecht“ ist ein Begriff, der während der Unterhaltung mehrmals fällt. Schon in der Gründungsstunde des Verlags war dies der leitende Gedanke, da es Ender der 1970er Jahre auf den Kartentischen der Yachties nur die unhandlichen amtlichen Kartenformate gab. Die Kartensätze 1-4 für die Ostsee entstanden in einer Sportschifffahrtsvariante. Es folgten weitere europäische Reviere, bis hin zu den Karten der Karibik, Bahamas und Ostküste der USA, die seit 1996 verlegt werden.

Da diese Karten wesentlich detaillierter als die lokalen amtlichen Karten sind, steht sogar die US Coast Guard in der Kundenkartei des 2009 in den USA gegründeten Vertriebsbüros.

Auch die Lotsen auf dem Nord-Ostsee-Kanal fahren mit Karten aus Eckernförde. Als Lotsenkarten unterscheiden diese sich jedoch stark von den Sportbootkarten, indem sie etwa sehr detaillierte Tiefenangaben und Informationen zu Platzverhältnissen und Logistikbetrieben im Hafenbereich zeigen. Und dann gibt es noch eine besondere Ausgabe: Die kleine Regattakarte, die die Regattabahnen der Kieler Woche zeigt.

Doch die Spezialkartographie für die Sportschifffahrt bleibt der Schwerpunkt. Jeppe Scheidt umschreibt dies abschließend humorvoll. „Die Berufsschifffahrt fand und findet ja vorrangig in der Fahrrinne statt. Da will aber keiner seinen Urlaub verbringen. Die Ankerbucht in der Dyvig ist dagegen für die Berufsschifffahrt nicht relevant und entsprechend in den NV Karten sehr detailliert dargestellt.“

Vielleicht ist ja die Dyvig gerade wegen dieser exzellenten Kartierung eine so beliebtes Ankerbucht geworden…

Das Wissen über die aufwändige Kartierung lässt die Wertschätzung für Seekarten noch einmal wachsen – und vielleicht auch für James Cook, der ohne dieses Kartenmaterial navigieren musste.

Das komplette Portfolio an Seekarten des NV-Verlags und alles über die App ist auf der Webseite des Unternehmens zu finden: www.nvcharts.com

Von | 2016-10-20T19:20:16+00:00 10. Juli 2016|Navigation|6 Kommentare

About the Author:

Svenja erkundet von Flensburg aus die Ostsee. Mal allein, aber oft auch mit Mann und Maus, – bzw. Kindern. Bei SegelnBlogs schreibt sie vor allem über das Familiensegeln.

6 Kommentare

  1. Svante 10. Juli 2016 um 14:55 Uhr - Antworten

    Schade nur, dass die nv Karten so ungenau und fehlerbehaftet sind – siehe bsu Bericht – und damit bis auf die Schlei, windige passen, zur navigation nicht wirklich taugen.

    • Marcello 11. Juli 2016 um 11:11 Uhr - Antworten

      Von welchem Bericht sprichst Du?

    • Hinnerk Weiler 12. Juli 2016 um 11:36 Uhr - Antworten

      Da Svante (und auch Google) diesbezüglich keine sachdienlichen Informationen liefert sortieren wir das mal in das Reich der Legenden.

      • Segelbub 13. Juli 2016 um 10:44 Uhr - Antworten

        Also ich finde nur einen BSU Bericht aus 2005 wo am Ende steht das vom Skipper die herausgegeben updates nicht eingetragen wurden 🙂 Wir fahren die NV karten seit Jahren und hatten noch nie Probleme.

        • Hinnerk Weiler 13. Juli 2016 um 13:33 Uhr - Antworten

          Jupp, ich kann mich auch nicht daran erinnern, irgendwelchen Fehlern begegnet zu sein.

  2. Børn Om Bord - Windwellen 15. Juli 2016 um 6:36 Uhr - Antworten

    […] Arbeitgebers, eine Traditionsseglertörn, meine Ernennung zur ehrenamtlichen Mitschreiberin bei http://www.segelnblogs.de und natürlich Wochenenden auf HOBOzwo. Die Tage müssten sich proportional zur Bootsgröße […]

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