Familiensegeln – Alle in einem Boot!

An der Krebsrennbahn der Sønderborg Marina.
Während meine Kinder Janne (9) und Tim (7) nach den zehnfüßigen Renn-Tieren angeln, schneide ich zwei vorwitzigen Strandkrabben den Fluchtweg ab. Ein anderer Vater spring mir bei und wir kommen ins Plauschen über die Highlights und Besonderheiten des Familiensegelns. Es ist sein erster Chartertörn mit Familie.

Worte eines sechsjährigen: "Das ist ein großer Seestern-Papa"

Worte eines sechsjährigen: „Das ist ein großer Seestern-Papa“ Foto: Svenja Neumann

„Am besten ziehen bei unseren Kindern die simplen Ideen. Die kleinen dänischen Inselhäfen sind für die Kids herrliche Piratennester. Auf Årø steht am Hafenkiosk ein Schild : For Børn og barnlige Voksen (für Kinder und kindische Erwachsene). Daneben einige Siebe und drei schwarze Mörtelkübel mit Seewasser, Sand und Glitzersteinen. Die geschürften Steine durften am Kiosk gegen kleine, handgepackte Bonbontütchen eingetauscht werden! Die Kinder haben eine halbe Stunde bis zu den Oberarmen in den Wannen gesteckt!“ berichtet der begeisterte Vater.

„Bisher hatten wir nämlich nur als Männercrew gechartert…!“ In diesem Satz klingen seine Zweifel mit, ob ein Urlaub in einer schwimmenden 32-Fuß Suite mit Außenbalkon zur Wetterseite der Familie gerecht werden würde.

Als wir 2014 unser erstes Familienboot kauften, meinte der Vorbesitzer: „Familiensegeln ist wie eine lange Autofahrt mit Kindern. Nur nasser, anstrengender und ohne ADAC-Stauhelfer. – Ist das wirklich so?

Ich denke gerne an diesen Satz, wenn ein Kind bei 6 Windstärken aus seiner Vollvermummung befreit werden will („Ich muß mal dringend!!“). Die eigenen Bedürfnisse liegen dann irgendwo ganz unten in der Backskiste. Hafenkino? Wir sind mittendrin statt nur dabei! Dafür zählen wir Schweinswale statt Autos. Und Wolken. Und Häfen. Vor allem Häfen, denn die sind Dreh- und Angelpunkt eines gelungenen Familientörns.

Anlass genug, in loser Reihenfolge über Eindrücke und Zwischentöne des Familiensegelns zu berichten…


Familiensegeln – Alle in einem Boot!

Die Hafenkommune

Liegen weitere Familiencrews im Hafen werden Boote schnell belagert. - Für die Eltern eine Chance zum durchatmen.

Liegen weitere Familiencrews im Hafen werden Boote schnell belagert. – Für die Eltern eine Chance zum durchatmen.

„Och nöö, müssen wir schon weiter segeln? Ich möchte noch spielen!“
Vier Tage eingeweht in Ærøskøbing? Die Hafenzeit ist immer zu kurz! „Der Spielplatz ist cool! Und Anton bleibt auch noch!“ Dort, wo wir Erwachsenen uns in der sommerlichen Südsee manchmal mehr Einsamkeit wünschen, finden Kinder schnell zueinander.

Daher lohnt es sich, von Spielplatz zu Spielplatz zu segeln und bei der Liegeplatzwahl vor Ort die demographische Lage zu scannen. In der Kinderecke des Hafens schließen oft nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen schnell nette Kontakte.

„Der ist aber süß – wie alt ist er denn?“ Ähnlich wie Hundebesitzer kommen auch Herrchen und Frauchen von kleinen Zweibeinern ungezwungen miteinander ins Gespräch. Zieht das Rudel Seglernachwuchs währenddessen los, um Stöcke zu suchen, ist das bereits die halbe Miete für einen entspannten Hafentag bei der älteren Crew. Lediglich die Einlagerung der Holzsammlung im heimischen Ankerkasten kann später familiären Brennstoff liefern.

Kinder sind auch bei eher unterkühlten Nachbarn prima Eisbrecher. Besonders stolz sind unsere Jüngsten, wenn sie einer Erwachsenencrew helfen dürfen. Lässt ein echter Salzbuckel sich gar auf einen Haufen W-Fragen der Marke „Wie geht das?“ ein, sind die Kids vollends hingerissen.

„Och, das haben wir ja alles lange durch. – Wir können die ja nachher wieder bei Euch abgeben!“ Die Großelterngeneration ist meist abgeklärt und gibt Ihr Wissen gerne an den Nachwuchs weiter. „Das bewirkt etwas bei den Lütten“, berichtet mir ein Großvater. „Meine Kinder erinnert der Geruch von Salzwasser und miefigem Seetang an eine glückliche Kindheit. Heute pütschern die beiden mit meinen Enkeln hier an Bord rum.“

Ausgestattet mit einigen Regeln und Gottvertrauen lassen wir unsere Kinder auf die Hafenwelt los.

Piratenschlacht mit Verfolgungsjagd in der Mjelsvig

Piratenschlacht mit Verfolgungsjagd in der Mjelsvig

So kommt es, dass unser Zweitgeborener morgens um 7.00 Uhr an der Koje steht und stolz verkündet: „Ich habe auf dem Weg zum Klo gerade mit den Leuten an der Tankstelle geschnackt und beim Ablegen geholfen“.
Ein anderes Hilfsangebot des siebenjährigen Knirpses an eine Bavaria 38 quittierte der Decksmann mit einem lachenden „Danke, aber alleine ist es schon schwer genug!“. Tim bleibt davon unbeirrt. Wir halten uns im Hintergrund. Wichtig ist, dass er einige Verhaltensregeln kennt. Finger weg von belegten Winschen. Füße nie zwischen enge Bordwände. Anweisungen der Crews sofort befolgen. Das klappt auch. Solange sie nicht von der eigenen Mannschaft kommen…

Die Kinder gucken sich die Handgriffe ab, gewinnen an Selbstvertrauen und wollen selber ran. Wir greifen ein, wenn es störend oder gefährlich wird. Sofern wir nicht gerade in der Koje liegen.

Natürlich sucht nicht jede Erwachsenen-Crew den direkten Kontakt zu einer quirligen Familienbesatzung. Dann ist elterliche Empathie und ein mehr oder weniger diskreter Hinweis an den eigenen Nachwuchs gefragt. Wir haben aber noch nie erlebt, dass unsere Kinder offen als störende „Akustikfender“ empfunden wurden.

Dennoch entspannt es ungemein, Boote mit ähnlichen Dezibelschwankungen, Biorythmus und der daraus resultierenden Nachsicht um sich zu haben.

„In der Nachbarbox übergibt eine Familie die Leinen mit den Worten „wir fahren mal hier rein, hier sind auch Kinder“. Tatsächlich sind die Kids nach 15 Minuten gemeinsam auf dem Spielplatz verschwunden. Wir Großen haben erst drei Stunden später unser Aha-Erlebnis: wir kennen uns bereits, allerdings nur virtuell.
Es ist mein SegelnBlogs Kollege Peter Sorowka, der mit Familie und Segelyacht PIANO neben uns festgemacht hat! Obwohl wir ganze vier Tage in Ærøskøbing einwehen, wird es dank gegenseitiger Kinderbespaßung eine entspannte Zeit für Groß und Klein.“

Ein großes Plus für das Familiensegeln ist der aufgeschlossene Umgang der Familiencrews untereinander. „Hallo, ich bin Svenja, die Mutter von Tim. Wie heißt Du, wo liegt Euer Boot und darfst Du ohne Schwimmweste raus?“ Drei Fragen an neue Spielfreunde im Grundschulalter. Es ist nicht ungewöhnlich, einen unbekannten kleinen Besucher an Bord anzutreffen. Umgekehrt dürfen wir ohne schlechtes Gewissen an fremde Bugkörbe klopfen und uns als „Eltern von …“ zu erkennen geben.

Tipps für eine Familienrundreise durch die dänische Südsee.

Tipps für eine Familienrundreise durch die dänische Südsee. (Klicken für mehr Infos)

Den Erstkontakt stellen die Kleineren auf Stegen oder dem Spielplatz her. Die Größeren gehen manchmal auch den virtuellen Weg – wie der 13-Jährige Louis von der AKKA berichtet. „Ein gutes WLAN Netz bis ins Boot ist cool, dann gucke ich, ob jemand im Hafen zum MINECRAFT spielen online ist.“

Die ungezwungene Art der Kinder ist ein Segen bei Schlechtwetter-Hafentagen. Wenig ist nervenzehrender als gelangweilte, maulige Kinder auf kaum zehn Quadratmetern Wohnfläche.
Da ist es willkommen, wenn sich die Kids auf dem kurzen Dienstweg zum Spielen oder Daddeln im Vorschiff verabreden.

Wir Großen haben uns mit der dadurch eingeschränkten Erwachsenenzeit arrangiert. Das Leben tobt zu Lasten des zweisamen Sundowners bis in die Abenddämmerung. Manchmal auch darüber hinaus, wenn sich eine spontane Übernachtungs-Party anschließt. „Bitte – kann Mille bei uns schlafen?“

In diesem Fall bietet sich der Absacker zu viert an: bei Milles Eltern an Bord. So entwickelt sich dank der Kinder eine kleine Hafenkommune auf Zeit.

Meist ist dieses Verhältnis von Offenheit und Privatsphäre recht ausgewogen. Das Miteinander folgt einer ungeschriebenen Übereinkunft. Die Eltern brauchen die Bereitschaft, auch mal ein Auge auf fremde Kinder zu werfen. Die Kinder brauchen Gespür für Umgangs- und Sicherheitsregeln.

„Zieh Deine Schwimmweste an!“ Wir frohlocken still, wenn vom Nachbarsteg diese leidenschaftlich geführte, nie endende und internationale Eltern-Kind-Diskussionen herüber weht. Warum soll es anderen besser gehen als uns?

Eine signalfarbene Schwimmweste wedelnd, treibt ein Elternteil das bockige Jungtier vor sich her. Egal, ob Deutsch, Dänisch oder Holländisch: die Amtssprache des begleitenden Wortgefechts scheint immer als Chinesisch anzukommen, solange Papa oder Mama das Mantra predigen.

Ausflugsziele als Ausgleich an Land, wie das Schifffahrtsmuseum in Marstal sind willkommene Abwechslungen, wenn an Bord doch mal etwas Lagerkoller aufkommt.

Ausflugsziele als Ausgleich an Land, wie das Schifffahrtsmuseum in Marstal sind willkommene Abwechslungen, wenn an Bord doch mal etwas Lagerkoller aufkommt.

Sobald die Nachwuchskapitäne aber in der Gruppe losziehen, überzeugen sie durch Schwarmintelligenz. „Du hast Deine Schwimmweste nicht richtig an!“ Ist dann aus dem Off zu hören und los geht die Piratenschlacht von Beiboot zu Beiboot, bei der es am Ende lauter nasse Gewinner gibt. Die Kids achten aufeinander. Ungerechtes Verhalten wird in der Gruppe sanktioniert und sonst gern streitende Geschwister halten plötzlich wie Pech und Schwefel zusammen: „Wenn Du meinen Bruder ärgerst, spielst Du nicht mehr mit!“

Nach drei Sommern auf den langsam wachsenden Salzbuckeln ist Familiensegeln für uns nicht mehr nur segeln zu viert. Familiensegeln lebt vom Miteinander der Crews.

Das mag nicht jedermanns Traumvorstellung von Familienurlaub entsprechen. Doch ob nun unter Segeln oder am Steg: Kinder an Bord fordern meist die Präsenz eines Elternteils. Die kleine Hafenkommune über mehrere Boote hinweg funktioniert dann als arbeitsteiliges Animationsprogramm. Das schafft Raum für eigene Interessen.

Kurze Distanzen, viele Hafentage und Spielplatz-Hopping. Mit diesem Rahmen sorgen die Kinder an Land meist für sich selbst – viel Planung ist gar nicht nötig.
Viel wichtiger sind für meinen Mann und mich tägliche Absprachen. „Heute bleibt die Kombüse kalt!“ oder „Bis 16:00 Uhr verschwinde ich mal alleine Richtung Strand.“ Als ungestörte Elternzeit versuchen wir, uns mit unseren Kindern auf die Stunde nach dem Abendbrot zu einigen. Das klappt – mal mehr, mal weniger. Zweisam ist manchmal nur die Zeit beim Abwaschen und oft fallen wir frischluftmüde mit unseren Kindern gemeinsam in die Kojen.

Fotos: Svenja Neumann / Karte: Hinnerk Weiler


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Von | 2016-10-25T15:13:12+00:00 12. Oktober 2016|Familiensegeln, Ostsee|0 Kommentare

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Svenja erkundet von Flensburg aus die Ostsee. Mal allein, aber oft auch mit Mann und Maus, – bzw. Kindern. Bei SegelnBlogs schreibt sie vor allem über das Familiensegeln.

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