Kurs Lofoten

Das Norwegen-Special auf SegelnBlogs.
Der erste Teil der Reise führt nach Bergen.

Text und Fotos von Hinnerk Weiler

Bergen – Norwegens Handelshafen an der Westküste

Bergens alter Stadthafen mit dem historischen Quartier Bryggen

Wer früh in der Saison einen Liegeplatz vor Bergens historischem
Viertel Bryggen sucht, findet vor allem Motoryachten als Nachbarn.
Die meisten Segler kommen erst später in der Saison

Der Berufsverkehr im norwegischen Bergen kommt gerade in Gang. Beladen mit Rucksack und einer extra Reisetasche für dickes Ölzeug stehe ich am Busbahnhof. Aalesund steht in Leuchtbuchstaben über der großen Windschutzscheibe.

Bergen

Bergen

Doch das Abenteuer Norwegen begann bereits zwei Tage vorher. Am Fährterminal wartete Timo auf mich. Wir kannten uns eigentlich nur von Facebook und Twitter. Aber virtuelle Bekanntschaften zu echten werden zu lassen, gehört zu den spannenden Momenten des Reisens und so haben wir uns auf meinem Weg in den Norden hier verabredet. Timo wohnt in Bergen und zwei Nächte werde ich auf seiner Couch verbringen und ihn und die Stadt etwas näher kennenlernen, bevor ich zu meinem Schiff weiterreise.

Mein Schiff ist diesmal aber gar nicht mein Schiff. Auf diesem Törn ist mein Schiff nur eine gemietete Koje, in der ich als Crew auf einer ungewöhnlichen Reise mein Hab und Gut verstauen werde. Von Aalesund zu den Lofoten soll dieser Törn gehen. Mehr als einen Monat lang in Norwegens abgelegener Schärenlandschaft auf einem Holzschiff aus den 30er Jahren.

Norwegen Special:

Abgelegene Fjorde Ankern in vollkommener Stille, Tage, die zu Nächten werden eine nie untergehende Sonne gibt es erst weiter im Norden. Dorthin führt der zweite Teil der Geschichte. Wenn Du den nicht verpassen willst, lass Dich einfach über Neuigkeiten auf SegelnBlogs per Mail informieren: 

Seekarten Norwegen

Im zweiten und dritten Teil des Norwegen Specials:

Norwegen planen

Revierführer, Packliste für den Norwegentörn und Tipps zu Navigation und Ankern in den Schären.

Bergen

Vom Fjordhafen, dasm merkt man mit etwas Gepäck auf dem Rücken und in der Hand besonders deutlich, scheinen alle Straßen und Gassen langsam anzusteigen, egal in welche Richtung man geht. Timo scheint das nicht mehr zu merken. – Ich halte Schritt, vielleicht geht er aber auch für mich etwas langsamer. Der Titel seines Reiseblogs „Bruder Leichtfuß“ geht mir durch den Kopf. Er hat ihn ernst genommen, ist kurzerhand aus Hamburg zu seiner Freundin nach Norwegen gezogen und lebt seit dem mit ihr hier.

Ein Großteil der rund 280.000 anderen Einwohner geht auf das Konto der Universität, entsprechend lebendig ist es auf den Straßen: Überall sind junge Menschen unterwegs, überall gibt es Bars, Cafés und kleine Restaurants. Trotzdem strahlt die Stadt eine Urgemütlichkeit und unablässige Ruhe aus.

Es ist Nachmittag und es fällt ein leichter Nieselregen. Doch wie die Steigung auf dem Weg nach Hause, scheint auch das Wetter niemand wahrzunehmen, der hier lebt. Die Leute bleiben einfach vor den Läden sitzen, ziehen sich bestenfalls unter einen Dachvorsprung zurück. Mir ist kühl, die Norweger tragen kurze Hosen.

Südnorwegens Schärenlandschaft

Der Regen gehört angeblich nach Bergen. Schon auf der Fährfahrt von Dänemark hier her hatte sich der Himmel stetig zugezogen. Nach sternenklarer Nacht im Skagerrak lagen die Schären an der Südküste noch wie glänzende Nuggets aus blankem Gold in der ruhigen See. Stavanger kam als erster Hafen am Morgen langsam unter der aufgehenden Sonne näher.

Ein bisschen pochte mir das Herz beim Einlaufen in den Hafen, von dem die meisten Nichtsegler vermutlich noch nie gehört haben, den jeder fast jeder Segler kennt, und den kaum jemand je besucht hat. Gern wäre ich von Bord gegangen. Denn jeder Segler, der früher mit Seewetter beschäftigte, hatte von diesem Hafen täglich gehört.

Knisterten abends aus dem Weltempfänger die Worte: „Stavanger Süd fünf, westdrehend, zunehmend sieben, diesig, 998 Hektopascal“, konnte man im Kattegatt und in der dänischer Südsee den Wecker für den nächsten Morgen ausstellen und sich auf einen gemütlichen Regentag an Bord einstellen.

Im Morgenlicht läuft die Fähre auf dem Weg nach Stavanger in die Schärenwelt Norwegens ein. Die Sonne geht auf fast 60N weit im Nordosten auf

Im Morgenlicht läuft die Fähre auf dem Weg nach Stavanger in die Schärenwelt Norwegens ein. Die Sonne geht auf fast 60N weit im Nordosten auf

Vom Deck einer Autofähre betrachtet, verlor Stavanger jedoch seinen Zauber und zu gern wäre ich kurzerhand von Bord gegangen, um mit der nächsten Fähre weiterzufahren und noch einen Blick zwischen die versprengten Häuser und auf die Wetterstation zu werfen, deren Meldungen mich ein halbes Seglerleben lang begleitet haben.

Stavanger - Ein ernüchternder Blick über den Hafen

Stavanger – Ein ernüchternder Blick über den Hafen

Norwegen Ende Mai – keine Spur von Sommer

Der Aufenthalt im Hafen dauert keine halbe Stunde, von Bord gehen ist nicht erlaubt. Nur einige Autos und LKWs verließen die Fähre. Dann liefen wir wieder aus und nahmen Kurs durch die Schärenlandschaft im Süden Norwegens.

Schärenfahrwasser zwischen Bergen und Stavanger.

Schärenfahrwasser zwischen Bergen und Stavanger.

20150521-084906-lighthouse-on-a-rock-norwayedition2015-hinnerk-weiler

Das Fahrwasser erschienen vom Deck der Fähre geradezu winzig, das Tempo fühlte sich für einen Segler viel zu schnell an. Dafür bot der Ausblick vom vierten Deck der Fähre eine beeindruckende Fernsicht über das Wasser und die Felsen. Glattgeschliffene runde Inselchen, hier und mit einer Hütte, einem Leuchtturm oder einigen Bäumen verziert. – Von Bord eines Segelbootes wachsen diese Schären schnell zu einem unübersichtlichen Labyrinth aus Felsen und Orientierung behalten ist dann das wichtigste. Aus dieser Höhe aber ist die Landschaft geradezu beschaulich. Bunt, abwechslungsreich und durcheinander, aber in all diesen Details auch extrem gleichmäßig.

Doch langweilig kann der Ausblick nicht werden. Lange bleibt man eh nicht an Deck in diesen Tagen. Gerade bricht die letzte Maiwoche an und der Sommer in Norwegen steht erst noch bevor. Der Wind beißt ins Gesicht, dann zieht sich eine immer grauer werdende Wolldecke  über die schlafenden Riesen aus Stein. Dicke Regentropfen rollen an den großen Panoramascheiben vor dem Fenster neben meinem Sitzplatz herunter. Hier und mischen sich noch Schneeflocken ins Bild und bieten einen Vorgeschmack auf das wechselhafte Wetter in Richtung Lofoten.

Dann verschwinden die Berge des Hinterlands vollkommen im Grau, während die Fähre von Wind und Regen gepeitscht und unbeeindruckt ihren Weg durch das Fahrwasser nach Bergen nimmt.

Einfahrt nach Bergen.

Einfahrt nach Bergen.

Bergen blühte im Golfstrom auf

„In Bergen regnet es immer“, lernte ich von Timo nach der Ankunft und tatsächlich nimmt Bergen mit 2548 mm Niederschlag an 248 Regentagen (Daten von 2005) regelmäßig den Titel der regenreichste Großstadt Europas für sich in Anspruch. Wie zur Bestätigung geht, kaum, dass wir Timos Wohnung erreichen, ein Wolkenbruch nieder. Zeit für einen Kaffee, bei dem ich etwas mehr über Bergen erfahre.

Das Wetter ist Bergens Fluch und Segen. Ohne den Regen wäre der Ort vielleicht ein kleiner Fischereihafen und lokaler Handelsposten geblieben und müsste heute um seine Zukunft kämpfen, wie so viele Fischerstädtchen Norwegens.

Verantwortlich für das Wetter hier ist der Golfstrom. Der bringt warme und feuchte Luft hier her, die seit der Karibik erstmals auf Land trifft und sich dann abregnet. Genau dieses ungemütlich feuchte Klima hatte Bergen einst seinen guten Start beschert. Zu Zeiten der Hanse richtete die hier ihr nördlichstes Kontor ein.

Wichtiger als die Unannehmlichkeit Regen war damals, dass hier im Winter noch recht milde Temperaturen herrschen. Vom Golfstrom aufgewärmt blieben die Fjorde eisfrei und die Schiffe der Hanse konnten, mit Salz aus dem fernen Lüneburg beladen, selbst im Winter hier herkommen.

Das Salz brauchten die Fischer, die entlang der Küste in Richtung Norden viel Fisch fingen und ihn ebenfalls hier herbrachten. Beladen mit diesem Fisch segelten die Hansekoggen dann zurück nach Lübeck. – Die Hanse brachte damit den internationalen Fischhandel Skandinaviens in Gang.

Eine Hafenstadt ist Bergen noch heute. Auch, wenn der Fischfang eine geringere Rolle spielt, bleibt Bergen das Tor für den Norden als wichtigster Umschlagplatz an der Westküste.

Hansekontor Bryggen

20150522-170954-bergen-bryggen-norwayedition2015-hinnerk-weiler

Hier startet die berühmte Hurtigruten, die als Postschiffstrecke zahllose kleinen Orte und Städte an der Küste miteinander verbindet. Früher war sie lebenswichtige Nachschubader und reicht noch heute weit in den Norden. Von Bergen startet auch die Bergensbanen, die Waren zu abgelegenen Orten in Norwegens Felsigem Hochland bringt und auf ihrem Weg nach Oslo auf verschlungenen Wegen langsam über 1200 Meter hinauf klettert, um dann wieder auf Meeresniveau hinunterzufahren. Vor allem aber ist Bergen heute auch ein Magnet für Touristen aus aller Welt.

Täglich laufen hier große und kleine Kreuzfahrtschiffe ein und bringen Besucher. Tatsächlich sind es so viele, das ein Großteil der Bewohner Bergens inzwischen davon mehr genervt als begeistert ist und eine Kreuzfahrer-Quote fordert, die die Zahl der einlaufenden schwimmenden Hotels begrenzt.

Ziel dieser Besucher ist meist, einen Hauch Hansegeschichte im alten Hafenviertel zu atmen. Das Quartier „Tyske Bryggen“ (Deutsche Brücke) heißt seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch „Bryggen“ und wurde 1702 in einem Großfeuer zwar vollständig vernichtet, danach jedoch im alten Stil neu aufgebaut.

Im 1365 als Kontor der Hansestadt Lübeck betriebenen Handelsposten wohnten damals die Bergenfahrer, deutsche Kaufleute, die in der Blüte des Hansekontors rund einen Viertel der Stadtbevölkerung ausmachten. Bryggen liegt direkt am alten Hafen nahe dem heutigen Stadtzentrum und der enge Raum ließ eine weltweit einmalige Siedlung entstehen, die seit 1979 ein UNESCO Welterbe ist.

Bis heute ist dieses Stadtviertel noch erhalten und wer sich etwas Zeit nimmt, kann hier durch die schmalen Wege zwischen den Häusern gehen und findet sich mit etwas Phantasie im 15. Jahrhundert, umgeben von Händlern, Mägden, Knechten und allem, was dazugehört.

Einen wirklichen Blick ins Leben von damals gibt es auch. Dazu muss man allerdings den Handelshof Finnegården aufsuchen, der in historisch eingerichteten Räumen eine Ausstellung über Bryggen und die Bergenfahrer parat hält.

20150522-165356-lofoten2015Wer ein saftiges Liegegeld nicht scheut, der kann direkt vor den gemütlich skurrilen Häusern im alten Hafen der Stadt festmachen. Wem das zu viel ist, der ankert einfach etwas außerhalb der Stadt und kommt per Dingi zu einem Ausflug in die Stadt.

Roland von Bremen

Im nächsten Teil: An Bord des Roland von Bremen

Für viele deutsche Segler endet hier der Törn nach Norden bereits. Dabei beginnt Norwegens Traumlandschaft eigentlich hier gerade erst: Abgelegene Fjorde Ankern in vollkommener Stille, Nächte, die zu Tagen werden und über denen eine nie untergehende Sonne scheint, gibt es erst noch weiter im Norden.

Dorthin führt der zweite Teil von insgesamt vier Teilen der Geschichte. Wenn Du die nicht verpassen willst, lass Dich einfach über Neuigkeiten auf SegelnBlogs per Mail informieren: