Einmal rund Fehmarn war Uwe Liehr nicht genug für eine Auszeit unter Segeln. Mit einem Mini hatte er ja auch ein Schiff, mit dem der Törn um die Ostseeinsel nur wenige Stunden gedauert hätte. Uwe hatte mehr Zeit und segelte darum nicht im Kreis, sondern einfach geradeaus.

Text und Fotos von Uwe Liehr

Teil 1: Der Aufbruch ]|[ Teil 2: Ins Baltikum ]|[ Teil 3: Der schnelle Rückweg ]

Uwe Lieht und sein Class Mini

Uwe Liehr und sein Class Mini

Ein Solo-Sommertörn durchs Baltikum

Januar 2016. – Regen trommelt auf die Dachfenster und die Bäume vor meinem Haus biegen sich. Typisches Hamburger Schmuddelwetter. Da jagt man keinen Hund vor die Tür. Doch jetzt ist die Zeit, sich Gedanken über den (irgendwann) kommenden Sommer zu machen.

Mehr oder weniger zufällig und kurzfristig hatte sich die Möglichkeit ergeben, eine kleinere Auszeit zu nehmen. So zwei bis drei Monate sollten drin sein. Zu wenig für eine Weltumsegelung. Zu viel für „Fehmarn rund“.

Ich blätterte in Seekarten nach einem lohnenden Ziel. Skagen? Hatte ich. Oslo? Vielleicht. Frankreich! Mal sehen.

Es gab aber eine Ecke, die mich doch etwas mehr interessierte: das Baltikum. Litauen, Lettland, Estland. Irgendwie gibt es da auch wenig Erfahrungsberichte. Zu den Ålands fahren sie ja alle…

Ein Mini zum Leben an Bord

Zwischen Dickschiffen. – AVANTI ist kein ganz typisches Segelboot für eine dreimonatige Reise

Zwischen Dickschiffen. – AVANTI ist kein ganz typisches Segelboot für eine dreimonatige Reise

Ein passendes Boot dazu hatte ich: meine AVANTI, eine Mini (classemini.com). 6,50m lang, 3,00m breit, 1,60m tief, 12,00m hoch. Typ Super Câlin 2. Boote dieses Typs werden konstruiert und gebaut für Transatlantikrennen wie der berühmten Minitransat, die alle zwei Jahre stattfindet. Solche Boote gieren trotz ihrer winzigen Maße nach Hochsee, weiten Distanzen, Geschwindigkeit. Aber im Gegensatz zu „normalen“ Minis, die als reinrassige Rennboote unter Deck komplett leer sind, hat mein Boot ein Minimum an Ausstattungskomfort: Pantry, Kartentisch, ein vernünftiges Bett, sogar eine Toilette. Das ist für diesen Typ zwar etwas schräg, aber für mein Vorhaben nicht von Nachteil. Ansonsten verfüge ich über eine vollständige Offshore-Ausstattung. Also alles was man auf Blauwasserfahrt an Instrumenten, Technik und Sicherheitskram so brauchen könnte. An Bord befinden sich insgesamt 8 Segel, die für mein Vorankommen sorgen. Ich brauchte keine großen Änderungen am Boot für längere Schläge vornehmen. Es konnte gleich losgehen.

„Wer lange plant, der fährt nie los“.

Ich selbst segle seit 17 Jahren. Bevor ich mich in Minis verliebt habe segelte ich fast ausschließlich auf „Dickschiffen“. Auf eine Jollen- oder Regatta-Vergangenheit kann ich nicht zurückblicken. Dafür auf eine fundierte seemannschaftliche Ausbildung. Richtig segeln gelernt habe ich erst auf AVANTI, die ich seit 6 Jahren besitze. Und auch da war der Weg steinig. Nicht so einfach zu handhaben, diese kleinen Biester…
In jedem Fall fühlte ich mich bereit für das überschaubare Abenteuer. Und bewusst machte ich keine große Planung, denn: „Wer lange plant, der fährt nie los“.
Die einzige Vorbereitung, die ich traf, war der umfangreiche Erwerb von Seekarten. Bei einer renommierten Hamburger Firma wurde ich gut beraten und fand alles, was das Herz begehrt. Vor allem die „Charts of Estonia“ und der noch wichtigere „Harbours of the Baltic States“. Auf die Frage des Verkäufers, wie es denn mit der schwedischen Ostküste kartenmäßig aussieht, winkte ich ab. Letztlich wollte ich via Polen, Litauen und Lettland nach Norden und hatte keinen Bedarf. – Dass letztlich alles anders kommen würde konnte ich da noch nicht ahnen.

Schließlich rückte ich mit 15 kg Karten ab. Klasse, da werde ich wohl den Proviant etwas einschränken müssen, sollte die Wasserlinie nicht zur Unterwasserlinie werden!
Nach dem Zuwassergehen AVANTIs legte ich in der beginnenden Saison besonderen Wert darauf, dass alles funktioniert, vollständig und in belastbarem Zustand ist. Die Trainingsschläge hielten sich in Grenzen und immer wieder gab es noch etwas zu fummeln. Naja, das ist bei Minis völlig normal. Noch ein paar Einkäufe, dann konnte das Boot gestaut werden. Nachdem das erledigt war, lag AVANTI tatsächlich ziemlich satt im Wasser. Aber es war okay und der Tag des Abschieds rückte näher.

Aufbruch

Am Ende segelt Uwe Liehr auf einer ungewöhnlichen Ostseeroute. Die ganze Reise gibt es in drei Teilen in den kommenden Tagen hier zu lesen.

Am Ende segelt Uwe Liehr auf einer ungewöhnlichen Ostseeroute. Die ganze Reise gibt es in drei Teilen in den kommenden Tagen hier zu lesen.

18.05.2016 – Morgentau liegt auf dem Deck. Ich bereite das Boot vor und weiß nicht, ob ich mich richtig freuen soll. Der Himmel ist bedeckt. So richtig warm ist es auch nicht. Und es ist ein seltsames Gefühl: Kein Auto steht auf dem Parkplatz der Marina, mit dem ich jetzt heimfahren könnte. Wenn ich gleich ablege werde ich für eine recht lange Zeit hier nicht wieder anlegen. Mein Zuhause für die nächsten Monate ist nicht viel größer als ein Zweimannzelt und ohne Heizung. Am meisten ins Grübeln bringt mich allerdings der Spruch eines Freundes vom Vorabend: „In 14 Tagen bist du spätestens sowieso wieder hier. Du vereinsamst doch total!“ Auf so einem Satz kann man eine ganze Weile herumkauen. Aber ich will los. Ich hole alle Leinen an Bord und verlasse Wendtorf mit Ziel Bornholm. Die Freude auf die bevorstehende Reise stellt sich auch in den folgenden Stunden nicht ein. Und das lag nicht nur am Kreuzen gegen den mittlerweile von Nord-Ost wehenden Wind.

Auf Bornholm war ich mit Jörg, einem meiner ehemaligen Segelausbilder verabredet. Er fuhr alle zwei Jahre „Rund Ostsee“ mit wöchentlich wechselnden Crewmitgliedern. Ich dachte, das wäre eine Gelegenheit, gelegentlich gemeinsam an verschiedenen Orten etwas Zeit miteinander zu verbringen. Die totale Vereinsamung könnte somit noch etwas warten.

Aus Bornholm wurde nichts. Da Jörg von Breege aus die polnische Küste entlang laufen wollte und der Wind nach wie vor aus Nordost bzw. Ost blies trafen wir uns eben in Stralsund. Bis er eintraf, hatte ich noch ein paar Tage. Der Samstag brachte Klarheit, dass es eine blödsinnige Idee ist, gemeinsam die polnische Küste zu absolvieren. Unsere Boote waren einfach zu unterschiedlich: Jörg mit seiner Bavaria schmiss die Maschine an und zog von dannen. Ich kreuzte die Boddengewässer auf und entschied, erst einmal nach Bornholm zu gehen. Um die Insel herumgefahren, bin ich im Rahmen von Regatten schon öfter. Nur auf der Insel war ich noch nie.

22.05.2016 – Längst ist es Nacht geworden. Der Wind hat aufgefrischt und ist böig geworden. Eigentlich hasse ich es, mir unbekannte Häfen in der Dunkelheit anzulaufen. Aber ich stehe nun kurz vor Rönne und taste mich in die relativ neue Hafeneinfahrt hindurch. Auf der Suche nach einem passenden Liegeplatz winkt mich die Crew einer größeren Yacht heran und deutet auf die Box neben sich. Der starke Seitenwind macht das Unterfangen nicht gerade zum Kinderspiel. Aber auf dem polnischen Schiff wird es lebendig und immer mehr Leute kommen an Deck bzw. auf den Steg.

Geschafft! Ich krame aus meinen rudimentären Sprachkenntnissen ein „Dobry Wieczór“ (Guten Abend!) hervor. „Dobry Wieczór“ tönt es lachend zurück. Ich klariere auf dem Steg die Vorleinen und habe plötzliche eine Glas Wodka-Lemon in der Hand.“ Na zdrowie!“ Was für ein Empfang nach 91 Seemeilen! Die Konversation wird dann aber aus praktischen Gründen auf Englisch umgeschaltet.

Mein Plan sah vor, überall da, wo ich festmache, mich etwas intensiver umzuschauen und nicht stumpf von Hafen zu Hafen zu hetzen. Was nutzt es, wenn man zwar dutzende Häfen aufzählen kann, an denen man anknotet, aber eigentlich jenseits des Hafenbistros keinen Schritt gesetzt hat? Ich wollte etwas vom Leben mitbekommen. Und blieb ein paar Tage auf Bornholm.

Wegen des Ausfalls eines Antriebs des Autopiloten fuhr ich aber zuerst noch einmal zurück nach Sassnitz. Dort hatte ich das Paket mit dem Ersatzteil hinbeordert. Da sich der Ostwind etabliert hatte, ließ ich mir vorsichtshalber auch noch einen Hafenführer für Schweden zuschicken. Allerdings enthielt dieser Führer nur die wichtigsten Häfen. Das sollte aber reichen. Meine Seekartenladung war ohnehin bereits schwer genug.
Ursprünglich hatte mein Plan vorgesehen: „alles außer Schweden“. Nicht, dass ich etwas gegen Schweden hätte. Ganz im Gegenteil! Aber nicht nur „zu den Ålands“ fahren sie alle, sondern eben auch nach Schweden. Doch wie es aussah, führte daran nun kein Weg vorbei…

Die Zeit in Sassnitz war ausgesprochen schön, da sich im Hafen sehr illustre und vor allem sehr freundliche und gut-gelaunte Yachties trafen. Und das galt nicht nur für meine angenehmen Nachbarn am Steg, Birgit und Jens aus Wismar.

Der Ostwind wollte nicht weg, aber ich. Also guckte ich in meinem neuen Hafenführer, welche Ziele sich zum Anknoten so anbieten könnten und fuhr los. Letzten Endes wurde es Karlskrona. Entspannte Tage und der grimmige Gruß eines bajuwarischen Seglers („Ha, san sie a scho wieder hier mit ihrem Spielzeugboot?“) ließen mich weiterplanen. Die Prognose verhieß einen vorübergehenden Westwind und den wollte ich, nein, musste ich nutzen. Ich wollte versuchen, den Sprung nach Lettland, nach Liepaja oder Ventspils zu wagen.

07.06.2016 Gestern Morgen verließ ich Karlskrona. Eine unangenehme und hohe Hacksee machten das Kreuzen zum Leistungssport. Aber der Wind sollte ja nach einer kurzen Flaute auf West drehen. Erst ab Utklippan konnten die Kreuzschläge länger werden. Die Flaute kam und… blieb. Jetzt ist es gleich halb eins. Seit gestern Abend 19:00 Uhr schleiche oder treibe ich vor der Südspitze Ölands herum. Der Lange Jan, der Leuchtturm auf Ölands Södra Udde, scheint schadenfroh herüber zu grinsen. Das Wasser liegt glatt und schwer. Jedes Kräuseln macht Hoffnung und vergeht.

Da! Ein Hauch, dem nicht gleich nach Sekunden die Puste ausgeht. Und aus der richtigen Richtung! Der angekündigte Dreher auf West. Jetzt mal nicht zaudern und den Medium-Spi hoch! Mal gucken, ob ich damit etwas anfangen kann…


Gelingt der Sprung nach Osten? Weiter geht es im zweiten Teil der Reise: [Fortsetzung]

Kurs nach Tallinn: Solo mit dem Mini


Das Logbuch von Uwe ist hier zu finden