Ostwind konnte Uwe Liehr (Text & Fotos) auf seinem Törn ins Baltikum nicht gebrauchen. Er hatte keine Lust auf Schweden. Doch wie die Dinge nun lagen, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Reise ins Baltikum über Karlskrona fortzusetzen. Ein kurzer Winddreher offenbart das lang ersehnte Fenster für einen Schlag nach Osten. Gelingt ein rasanter Törn zum Rigaischen Meerbusen?

(Der erste Teil der Geschichte ist hier zu finden)

 … Und jetzt wird wieder gerechnet und geplant. Für Liepaja  ist der Wind zu schwach und viel zu tief für den Kurs. Damit könnten die 160 Meilen lang werden. Ventspils könnte klappen, aber wenn der Wind drehen sollte oder wegbleibt sind die 190 Meilen Distanz dahin noch länger… Ich entscheide mich dann doch für die kurze Variante nach Visby auf Gotland. Wenn die Bedingungen halbwegs halten, sollte ich die 110 Meilen bis heute Abend hinter mir haben. Aber jetzt erstmal los!

Der Windwinkel war so gut, dass aus den später 22 kn Wind bis zu 15 kn Fahrt wurden. Aber etwas anderes hätte ich ernsthaft auch nicht gewollt. Das „Meilenfressen“ machte erst die Fahrt an der 140 km langen Westküste Ölands erträglich.  Am Nachmittag erreichte ich Visby.

Geruhsames Gotland. – Die niedrigen Windmühlen über den weiten Graslandschaften sind für Schwedens größte Insel charakteristisch.

Geruhsames Gotland. – Die niedrigen Windmühlen über den weiten Graslandschaften sind für Schwedens größte Insel charakteristisch.

In Visby hatte noch lange keine Saison begonnen. Nur der Loveparade-konforme Semesterausklang der Studenten rückte die Ferienzeit Schwedens in greifbare Nähe. Das nichts los war fand ich nicht schlimm und ließ mir von Bo dem Hafenmeister ein Auto zum Inselgucken geben. Natürlich ein Saab! Den schätzte ich vor allem wegen seiner Sitzheizung. Denn es war kühl geworden. Der auf Nord gedrehte Wind ließ nachts die Temperaturen auf 5°C sacken. Tagsüber waren auch nicht mehr als 10-12°C drin.

Bo hielt mich für einen armen Irren. Aber das war ihm bei meinem Boot sowieso schon klar.

Ich lugte jeden Tag auf die Wettervorschau im Hafenmeisterbüro. Einerseits war der Nordwind recht günstig um über die zentrale Ostsee zu kommen. Andererseits war der „Gruß vom Nordpol“ recht ungemütlich. Nur die Nachrichten aus der Heimat söhnten mich aus, denn Hamburg versank zu dieser Zeit im Regen.

Am Ende segelt Uwe Liehr auf einer ungewöhnlichen Ostseeroute. Die ganze Reise gibt es in drei Teilen in den kommenden Tagen hier zu lesen.

Am Ende segelt Uwe Liehr auf einer ungewöhnlichen Ostseeroute. Die ganze Reise in der SegelnBlogs-Serie

Nach ein paar Tagen nahm Wind zwar etwas zu, aber ich wollte los. Bo hielt mich für einen armen Irren. Aber das war ihm bei meinem Boot sowieso schon klar. Also legte ich am 11.06.2016 ab. Nach einer ziemlich hackigen Kreuz zu Anfang passierte ich bei Einbruch der Nacht die Nordspitze der Insel Fårö. Es wehten immer noch um die 23 kn und die Wellen waren recht hoch, aber dafür lang. Die See hatte irgendwie etwas von „Atlantik für Arme“. Auch die Rahmenbedingungen waren sportlich: 6°C bei gefühlter 200% Luftfeuchte. Ich hatte alles möglich übereinander gezogen was meine Ausrüstung so hergab. Aber trotzdem war ich froh, als gegen 07:00 Uhr die Sonne langsam wärmte. Ich befand mich bereits in der Irbenstraße und damit in estnischen Gewässern. Ich war mir unsicher, ob ich die Insel Ruhnu anlaufen sollte oder nicht.

12.06.2016 Die Spinnaker-Einlage ist doch recht anstrengend. Ich hole das bunte Spaßtuch ins Boot und packe es in die Tasche. Der Wind hat wieder auf 25 kn zugenommen. Die Konzentration ist nach der Nacht nicht mehr die beste und ließ mich ein paar Sonnenschüsse produzieren. Jetzt gibt’s erst einmal `was Leckeres aus der Tüte. Stilecht gefriergetrockneter „Kartoffeltopf mit Rindfleisch“ . Schmeckt auf See als käme er frisch aus Hensslers Sterneküche. Was mache ich jetzt mit Ruhnu? Der Hafenführer spricht von „dangerous area“ und „shallow water“. Hier in der beginnenden Rigaer Bucht sind die Wellen kurz, steil und hoch. Grundseen bei der relativ seichten Ansteuerung kann man nie ausschließen. Also schaue ich nach einer Ausweich-Destination. Häfen sind hier dünn gesät. Ich entdecke Roja an der lettischen Küste. Auch mein Hafenführer befindet den Roja für gut. Hmmm… so richtig schlüssig bin ich mir aber immer noch nicht.

Unter Fahrtenyachten: Uwes Mini fällt in den Häfen des Baltikums auf.

Unter Fahrtenyachten: Uwes Mini fällt in den Häfen des Baltikums auf.

Da krächzt auf einmal das Funkgerät. Völlig verrauscht ruft eine deutsche Stimme „Santana, Santana…“. SANTANA ist das Schiff von Jörg. Der will eigentlich längst in Riga sein. Das Antwortrauschen hört sich dann auch nach Jörg an. Aha! Nach dem die beiden Ihr Gespräch beendet haben rufe auch ich die SANTANA. Jörg ist etwas perplex mich in diesen Breiten über Funk zu hören. Wir freuen uns und verabreden uns in Roja. Damit hat er mir die Entscheidung abgenommen.Ab nach Roja!

Und ich bog damit an Kap Kolka nach Süden ab. Witzigerweise kam ich vor Jörg in Roja an. Denn er kam nicht aus Riga sondern aus Ventspils. Der gemeinsam Abend fiel kurz aus, da ich viel Schlaf nachzuholen hatte. Außerdem fehlte mir noch zusätzlich eine Stunde, denn ich befand mich nun in der Osteuropäischen Zeitzone.

Nach einem kombinierten Bootstrocknungs- / Reparatur- / Einkaufs- / Sightseeing- / Ausruhtag mit abendlichem  Grillen ging es den darauffolgenden Tag zur Insel Ruhnu. Jörg, seine Frau und ich verbrachten nun ein paar Tage gemeinsam. Und fanden, das Ruhnu eine Perle ist. Am übernächsten Tag fuhr ich wegen der günstigen Windverhältnisse bereits früh Richtung Pärnu los. Die Raumschotwinde sollten nicht für den ganzen Tag reichen.

Es ist schon gewöhnungsbedürftig, wenn der Verkehr innerhalb von 10 Stunden lediglich aus einem anderen Segelboot und einem Schlepper besteht. Auch auf der AIS-Liste meines Plotters herrschte gähnende Leere. In Pärnu empfing mich der Hafenmeister und wies mir am ersten Ponton, dem Gästeponton, einen Platz zu. Eine Assistenz durch den Hafenmeister beim Anlegen ist in Estland Standard, also auch hier.

Pünktliche Ankunft zur Pärnu Sailing Week

Pünktliche Ankunft zur Pärnu Sailing Week

16.06.2016 Ehe ich mich beim Anlegen sortiert habe und die Mooringboje nicht mit einem Haken an einer Leine  sondern mit zwei zünftigen Palsteks an zwei Achterleinen festgemacht habe fanden auch die langsamsten meiner neuen Nachbarn Zeit, mich zu beäugen. Ich bin hier tatsächlich das mit Abstand kürzeste Boot am Ponton. Meine Nachbarn sind zurückhaltend-freundliche Finnen mit wackerem Bootsmaterial. Alle  um die 40-45 Fuß groß und so massiv, dass man bei einigen eine Eisklassifizierung vermuten könnte. Da kommt mir mit meinem kurzen Leichtbau die Rolle des Exoten zu. Sei’s drum! Die Hafenanlage ist – wie fast alle in Estland –sehr einladend. Natürlich gehört auch hier eine Sauna zum Standard. Die „Pärnu Sailing Week“ finden gerade statt. Und ein ziemlich gutes Restaurant ist das Zentrum des PÄRNU YAHTKLUBI.

Als Jörg später eintraf und eine Rockband aus dem nahen Stadion tönt, ist uns klar, warum Pärnu die Sommerhauptstadt Estlands ist. Hier oben im Norden sind die Menschen völlig aus dem Häuschen und kosten jede Minute des kurzen Sommers aus, als gäbe es die nächsten 20 Jahre nur noch Eis und Schnee! Das ist ansteckend und macht gute Laune. Weniger gut war dann der Sturm, der mit bis zu 50 kn direkt in auf den ersten Ponton blies und uns einen actionreichen Tag bescherte.  Außer vielen umgestürzten Bäume überall kamen wir aber glimpflich davon. Umso ausgelassener war dann der Abend mit unseren niederländischen und estnischen Bekannten!

Mein weiterer Plan sah eine direkte Fahrt nach Tallinn vor und so sollten sich die Wege von Jörg und mir trennen. – Flautenbedingt trafen wir uns aber am nächsten Tag noch einmal auf der Insel Kihnu. Dann ging es allein in einem etwas zu gemächlichen Trip nach Norden.

21.06.2016 Endlich hat der Wind gedreht, so dass ich nicht länger kreuzen brauche. Am Tag zogen zwar Wolken auf, die mich mit Regen jedoch verschonten. Jetzt zum Abend klart der Himmel auf und eine sanfte Abendsonne taucht das Wasser in einen goldenen Schimmer. Irgendein estnischer Radiosender bringt gute Chillout-Mucke und ich schaue zu den ganzen kleinen Inseln hier im Moonsund zwischen Muhu und Hiiumaa herüber. Von jeder Insel duftet es anders: mal nach Kiefernwald, mal nach Wacholder, nach frisch gemähtem Gras oder nach Sommerblumen. Was für ein Abend! Das sind die Augenblicke, die in keinem Reiskatalog versprochen werden können. Ich fühle mich gut, ich fühle mich frei. Und kann mir gar nicht vorstellen, dass das zu toppen geht…


Uwe zeigt, dass es nicht viel Boot braucht, um Glücklich unterwegs zu sein. Im 6.50 Meter langen Mini bereist er die Ostsee. Im dritten Teil der Reise geht es bis nach Finnland.

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