Ebbe und Flut – Alles Täuschung

Ebbe und Flut sind für viele Skipper ein besonders spannendes Thema. Zweimal täglich kommt in den meisten Revieren zumindest ein bisschen Hoch- und Niedrigwasser. Wer nicht in so einem Tidenrevier zuhause ist, gerät leicht in Verzweiflung, wenn es um die Frage geht, wann denn nun mit wieviel Wasser zu rechnen ist. Bevor wir uns in dieser Serie der Tidennavigation und Berechnung von Wasserständen widmen, räumen wir mit einem weitverbreiteten Irrtum auf: Denn obwohl es so aussieht, rast das Wasser gar nicht in Flutwellen um die Welt.

Tidennavigation Teil 1: So entstehen Ebbe und Flut

Woher kommen die Gezeiten

Bevor es mit der Tidennavigation losgeht, klären wir die Frage, woher überhaupt Ebbe und Flut kommen. Denn Gezeiten entstehen nicht zufällig sondern nach  festen physikalischen Gesetzen. Doch die sind so fundamental, dass man kein Physik- oder Mathematikstudium braucht, um sie zu verstehen.

Wohin geht eigentlich das Wasser, wenn es sich bei Ebbe zurückzieht? (Foto: Hinnerk Weiler)

Wohin geht das Wasser bei Ebbe? (Foto: Hinnerk Weiler)

Ein Flutberg

Dank Isaac Newton wissen wir heute, dass sich die Massen zweier Körper gegenseitig anziehen. Damit wir wirklich ohne Physikstudium klarkommen, glauben wir ihm das einfach mal und auch, dass es dabei keine Rolle spielt, wie groß diese Massen sind. Ihrem Größenverhältnis entsprechend, beeinflusst selbst ein Golfball mit seiner Masse die Bahn des Mondes und umgekehrt ist es genauso. Allerdings spielen eben genau das Größenverhältnis und die Entfernung dabei eine wesentliche Rolle: Die Masse des Golfballs ist so gering und er ist so weit vom Mond weg, dass sich keine nachweisbare Auswirkung auf dessen Flugbahn zeigt. Rechnersich jedoch könnte man sie durchaus beweisen. Das der Mond nicht zum Golfball hinfliegt, liegt also am Unterschied dieser Massen, dass der Golfball nicht zum Mond fliegt, liegt einzig daran, dass die von der Erde auf den Golfball ausgeübten Kräfte immens stärker sind und das vor allem, weil die Erde viel näher an ihm ist und auch deutlich größer.

Im Gegensatz zur Oberfläche eines Golfballs besteht die Erdoberfläche nicht aus einer durchgehend harten Struktur. Im Gegenteil: Die Erdoberfläche ist zu einem großen Teil flüssig und Flüssigkeiten lassen sich leichter von unterschiedlichen Kräften beeinflussen als feste Goldballoberflächen. Wer das nicht glaubt, kann mal mit einem Golfschläger ins Wasser schlagen und sehen, wie weit der Wasser fliegt.

Die Anziehung des Mondes sorgt dafür, dass das Wasser eine Beule in Richtung Mond bekommt, ein Flutberg. Der wandert lediglich einmal im Monat um die Erde. Auf diese weise erklären sich zwar Ebbe und Flut, aber eben nur einmal alle 30 Tage. – Ebbe unbd Flut kommen aber öfter.

Eine Gezeit im Monat reicht nicht

Gezeiten entstehen durch die Anziehungskraft des Mondes und aus der Drehung von Erde und Mond umeinander.

Gezeiten entstehen durch die Anziehungskraft des Mondes und aus der Drehung von Erde und Mond umeinander.

Mit einem Sechstel der Erdmasse ist der Mond aber nicht nur groß genug, um das Waser zu sich heranzuziehen. Er ist auch groß genug, um die ganze Erde zu beeinflussen. Das weitverbreitete Bild eines um die Erde kreisenden Mondes ist daher wissenschaftlich nicht korrekt. Denn der Mond verändert mit seiner Masse auch die Flugbahn der Erde auf ihrem Weg um die Sonne. Wie ein tanzendes Paar, mit ungleich langen Armen kreisen sie um einen etwas versetzen gemeinsamen Masseschwerpunkt. – Dieses Eiern wirkt sich ebenfalls auf das Wasser der Erdoberfläche aus und bildet genau gegenüber vom ersten Flutberg eine zweite Beule. Diese basiert nun nicht auf der Anziehung des Mondes, sondern auf Fliehkraft aus der ungleichmäßigen Erdbewegung.

Das Phänomen nutzen wir ganz unbewusst selbst beim Schwenken eines Branntweinglases: Dreht man das Glas auf der Stelle, dreht es sich erst um den Wein, der dann langsam die Rotation annimmt und und im Glas  mit dreht. Schwenken wir das Glas aber etwas, ist die Dreheung nicht mehr gleichmäßig und es bildet sich sofort eine Unwucht. Wie ein Flutberg kreist die im dann Glas.

Da sich Erde und Mond in einem ausgewogenen Verhältnis umrunden fällt dieser zweite Flutberg genauso groß aus, wie der Erste. Aber auch dieser Flutberg wandert nur einmal im Monat um den Planeten, erklärt also nur eine Flut und eine Ebbe alle zwei Wochen. – Der Blick in den Tidenkalender verrät aber: Das Wasser steigt und fällt fast überall auf dem Planeten zweimal täglich.

Schneller als die Flut

Hier liegt der größte Irrglaube den man beim Thema Ebbe und Flut immer wieder erzählt bekommt. Denn die Erde selbst dreht sich nicht nur gemeinsam mit dem Mond um die Sonne, sondern auch noch um sich selbst und sie dreht sich damit unter den Flutwellen hindurch.

Mit einem – wirklich sehr guten – Teleskop könnte man vom Mond aus ein Boot im Hafen von Büsum sehen. Durch die Erddrehung würde es von dort betrachtet aber schnell aus dem Bild wandern und irgendwann hinter dem Horizont verwinden. Zwölf Stunden später (da werden mir jetzt Flat-Earth Anhänger nicht zustimmen), kommt die Yacht dann erneut in den Blickwinkel. – Alle 24 Stunden ist sie wieder am gleichen Ort.

Da wir mit unserem Teleskop in diesem Beispiel direkt vom Mond aus herunterschauen und der erste Flutberg immer dem Mond zugewand ist, blicken wir geradewegs von oben auf ein Hochwasser im Hafen. Als Büsum am Horizont verschwand, stand sie genau im rechten Winkel zum Mond und zu dieser Zeit ist Ebbe.

Genau als sie gegenüber von uns hinter der Erde war, ist das Wasser im Hafen wieder angestiegen, denn dort ist der zweite Flutberg und beim Auftauchen am Horizont schien das Wasser in Büsum wieder abgelaufen zu sein.

Während es also an Bord einer Yacht im Hafen so aussieht, als ob das Wasser durch die Hafeneinfahrt verschwindet und dann wiederkommt, haben sich die Ebbtäler und Flutberge in den letzten 24 Stunden fast gar nicht bewegt. Lediglich die Erde hat sich unter ihnen einmal im Kreis gedreht und diesen Eindruck des sich bewegenden Flutbergs erweckt.

Tidennavigation 2. Teil: „Springflut und Tidenkalender verstehen“, erscheint am 15. Juli 2017

 

Von | 2017-07-13T21:15:21+00:00 6. Juli 2017|Navigation|0 Kommentare

About the Author:

Seit über zehn Jahren schreibt Hinnerk als Wassersportjournalist über Segeln, Technik und Reisen auf dem Meer. Unter anderem ist er häufig in der „segeln“ zu lesen und macht mit dem Segelradio einen eigenen Podcast. 2013 hatte er die Idee mit SegelnBlogs ein Blognetzwerk und Online-Magazin mit Schwerpunkt im Fahrtensegeln zu gründen.

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