Ein Satellitentelefon oder Kurzwellenfunk an Bord ist auf Langfahrt fast auf jedem Schiff. Damit lassen sich bequem Wetterberichte für die ganze Welt vollautomatisch empfangen und das sogar vollkommen kostenlos. Die Geheimwaffe vieler Langfahrtsegler für eigene Wettervorhersagen ist das Saildocs-System, das Inhalte aus dem Web per E-Mail zugänglich macht und auch für Küstensegler mit E-Mail auf dem Smartphone durchaus interessante Möglichkeiten bietet: Denn auch Text-Wettervorhersagen sind damit bequem zu bekommen. Dazu ist der Service vollkommen kostenfrei.

Ein Besuch auf der Webseite (saildocs.com) des Anbieters ist jedoch für viele Skipper erst einmal ernüchternd: Es gibt keine moderne App, keine aufgepeppte Weltkarte mit Vorhersagegebieten und nichteinmal bunte Bilder. – Damit entspricht die Aufmachung des Service exakt seiner unaufgeregt nüchternen Zielsetzung: Unkompliziert Daten an Bord zugänglich machen.

Das Wetter kommt per E-Mail

GRIB-Daten zeigen Wetterkarten in vielen Navigationsprogrammen an. Hier in der kostenlosen Anwendung OpenCPN

GRIB-Daten zeigen Wetterkarten in vielen Navigationsprogrammen an. Hier in der kostenlosen Anwendung OpenCPN

Saildocs wird vom amerikanischen Dienst Sailmail betrieben und ist Bestandteil der auf Pactor-Kurzwellenfunk ausgelegten Software Airmail, die von Amateur- und Kurzwellen-Seefunkern auf der ganzen Welt als Standard-Anwendung verwendet wird. Doch der Dienst steht allen zur Verfügung, die E-Mails verschicken und empfangen können. Da aber die meisten der Nutzer unterwegs nur sehr eingeschränkte Bandbreiten auf See haben, bzw. ein Besuch von Webseiten per Kurzwelle sogar unmöglich ist, beschränkt man sich auf den sehr einfachen Kommunikationsweg E-Mail. Anfragen werden mit einer Mail an den Server gesendet und der schickt seine Antwort auf dem gleichen Weg zum Absender zurück.

Kostenfreie GRIB Daten für eigene Wettervorhersagen

Kostenlos bedeute hier aber keineswegs billig. Standardmäßig wir das GFS-Modell der National Oceanic and Atmosphere Admininstration aus den USA benutzt, das ist ein weltweit anerkanntes Referenzsystem und steht den Modellen anderer Wetterdienste bei der Genauigkeit in nichts nach. Aber auch andere Modelle lassen sich bestellen.

Wichtig ist, dass alle Modelle in der Vorhersage auch mal daneben liegen. Für eine sichere Vorhersage lohnt es daher, weitere Modelldaten von anderen Anbietern als Vergleich heranzuziehen. Auch der Blick in die ferne Zukunft mag akademisch interessant sein, die Modelldaten zeigen aber ab sechs bis acht Tagen kaum noch korrekte Vorhersagen. Gerade auf längeren Reisen müssend daher die Daten regelmäßig aktualisiert werden, am besten täglich.

Globales Wetter aus dem Computer

Über den Dienst können sowohl GRIB-Files für die grafische Darstellung des Wetters per Computer, bzw. direkt im Kartenplotter, aber auch Text-Wettervorhersagen empfangen werden.

Während Vorhersagetexte meist von Meteorologen mit Ortskenntnissen erstellt werden, sind GRIB-Files reine Modelldatenausschnitte einer weltweiten Computersimulation. Diese Wettervorhersagen sind nicht durch Meteorologen bearbeitet oder interpretiert worden. Das bedeutet: Gerade im Küstenbereich kommt diese Rolle dem Skipper zu, der Kappeffekte, Fallwinde vor Steilküsten oder Winddüsen zwischen Inseln in der Seekarte selbst erkennen und ihre Auswirkung auf die im GRIB Fenster gezeigten Angaben berücksichtigen muss.

Anleitung: Grib-Daten bei Saildocs anfordern

Saildocs arbeitet vollautomatisch und beantwortet jede an das System gestellte Anfrage meist innerhalb von wenigen Sekunden. Dazu muss lediglich eine Mail an query@saildocs.com gesendet werden. Das geht mit jedem Mailprogramm, egal, ob von zuhause mit einem VDSL-Anschluss, per Satellitentelefon, dem Smartphone oder eben auch per Kurzwellenfunk.

Umstellen von HTML auf Nur-Text Nachrichten im Mac Mail Programm

Umstellen von HTML auf Nur-Text Nachrichten im Mac Mail Programm

Zwar versteht der Server auch moderne HTML-Mails, wer kann, stellt aber sein Mailprogramm vorher in das “Nur-Text” Format, damit nicht eventuelle Formatierungsangaben im Text die Anfrage stören.

Die Betreffzeile der Mail ist dabei vollkommen egal. Worauf es ankommt ist der Inhalt in der Mail. Jede Zeile Text wird dabei als eine Anfrage, interpretiert.

Wie auch bei unserem SegelnBlogs-Positionsreport werden Mailsignaturen die mit mindestens zwei Strichen beginnen (–) automatisch ignoriert.

Beispielanfrage
send gfs:60N,53N,1E,10E/0.5,0.5/0,24,48,72/

Was kryptisch aussieht, liest sich folgendermaßen und kann, einmal verstanden, leicht an jeden Törn und persönliche Bedürfnisse angepasst werden:

 

send
Sende mir
gfs
aus dem GFS Datenmodell
60N,53N,1E,10E
das Quadrat mit den Eckpunkten
60° Nord, 1° Ost
60° Nord, 10° Ost
53° Nord, 10° Ost
53° Nord, 1° Ost
0.5,0.5
in einer Auflösung der Daten mit 0,5 Grad Breite und 0,5 Grad Länge (also ca. alle 30 Seemeilen ein Windpfeil) Dezimalwerte mit Punkt!
0,24,48,72
für die Zeiten: 0 Stunden (Zeitpunkt der Berechnung des Modells!), 24 Stunden Vorhersage, 48 Stunden Vorhersage, 72 Stunden Vorhersage.

 

Postwendend findet sich dann die Antwort von Saildocs im E-Mail-Eingang: eine GRIB-Datei, die von vielen Kartenplottern und Programmen direkt an Bord angezeigt werden kann und in diesem Fall die Wettervorhersage für die nächsten drei Tage für die gesamten Nordsee beinhaltet.

Details bedeuten mehr Daten

Die simple Anfrage von oben liefert ein Datenpaket von gerade mal vier Kilobyte zurück. GRIB Daten mit nur einem Vorhersagezeitpunkt pro Tag sind in der Praxis aber recht nutzlos: Wehen beispielsweise um 12 Uhr mittags zehn Knoten Wind aus Nordwest und am Folgetag zur gleichen Zeit nur noch acht Knoten aus Südwest, sieht es aus, als hätte der Wind etwas nachgelassen.

Auf der Nordsee ist aber in dem Zeitfenster auch ein Frontdurchgang mit 45 Knoten durchaus denkbar. Diese GRIB-Falle muss durch kürzere Abstände der Vorhersagen umschifft werden. Kleinere Zeitfenster bedeuten aber eben auch mehr Daten.

Alle zwölf Stunden ist das Datenpaket bereits acht Kilobyte groß, alle sechs Stunden 24 Kilobyte, … – Mit einem älteren Pactormodem und schlechter Verbindung kann das bereits einige Minuten Übertragungszeit bedeuten. Bei einem Smartphone hingegen spielt das kaum eine Rolle.

Vorhersagen Staffeln

Beim Anfordern der Daten kann man sich endlose Zeitreihen sparen, denn dafür versteht Saildocs Angaben zu Intervallen. So lassen sich auch Vorhersagen staffeln und die nahe Zukunft sehr detailliert zeigen, während der Rest als Trend zu verstehen ist:

send gfs:60N,53N,1E,10E/0.5,0.5/0,2,...,12,18,...,72/

(ACHTUNG: Einige Mailprogramme ersetzen drei Punkte (…) durch ein Zeichen mit drei Punkten (…) Was gleich aussieht, ist dann aber ein Sonderzeichen statt drei Punkten und wird vom Server nicht verstanden.)

Welche Informationen bietet die GRIB Wettervorhersage

Das oben angeforderte Datenpaket beinhaltet Vorhersagen für die nächsten 12 Stunden mit einer Angabe alle zwei Stunden und den Trend von 18 bis 72 Stunden im sechs Stunden Raster. Das Datenpaket hierfür ist 18 Kilobyte groß und gibt eine gute Übersicht für die kommenden drei Tage. Wichtig ist dabei, dass sich die Zeitangaben nicht auf die aktuelle Uhrzeit, sondern die Vorhersagezeit beziehen. Das GFS Modell wird täglich alle sechs Stunden ab Mitternacht UTC neu berechnet. Eine Anfrage um 17 Uhr MESZ für 0 Stunden liefert also das Wetter von 14 Uhr MESZ.

Ohne weitere Angaben zeigen die Grib-Daten von Saildocs immer den Luftdruck und Windgeschwindigkeiten für das Vorhersagegebiet an. Mit weiteren Parametern können auch diese Daten ergänzt werden. Doch Vorsicht: Je mehr Inhalt die GRIB-Datei hat, desto größer wird sie auch.

Beispielsweise liefert die gleiche Anfrage mit dem Zusatz WIND,WAVES eine Datei mit Angaben zum Wind und statt dem Luftdruck sind die zu erwartenden Wellenhöhen enthalten:

send gfs:60N,53N,5E,10E/0.5,0.5/0,24,48,72/WIND,WAVES

Diese Parameter versteht Saildocs:
PRESS (Luftdruck 10m)
PRMSL (pressure at sea level)
WIND (10m)
GUST (10m)
AIRTMP (Temperatur in 2 Metern Höhe)
SFCTMP (Temperatur am Boden)
RH (Luftfeuchte 2m)
CAPE (Gewitterwahrscheinlichkeit)
RAIN (Niederschlag mm/std.)
APCP (Niederschlag im Vorhersagezeitraum)
WIND500 (Höhenwinde)
CLOUDS (Bewölkung)
WAVES Seegang

Eine Möglichkeit, Daten zu sparen, ist das Beschränken des Gebietes auf eine kleinere Fläche. Dabei ist es aber wichtig, nicht zu klein zu werden, damit beispielsweise Fronten im Anmarsch entdeckt werden. Hier hat es sich bewährt, zwei Anfragen zu senden: Beispielsweise einmal täglich eine Vorhersage im 2×2 Grad Raster für die gesamte Nordsee und eine detaillierte, entlang der Route. Die Anfragen dazu können in einer Mail in zwei Zeilen zusammengefasst werden und so aussehen:

send gfs:60N,53N,1E,10E/2,2/0,6,…,48/
send gfs:54N,53N,5E,9E/0.5,0.5/0,4,…,24/WIND,WAVES,PRESS,APCP,CAPE

Klassische Seewetterberichte und Nachrichten per Saildocs

Saildocs kann aber noch mehr: Auch klassische Seewetterberichte stehen zur Verfügung. Für die Vorhersage des nordöstlichen Atlantiks, wozu auch das Seegebiet der Nordsee gehört, genügt eine Mail mit dem Inhalt:

send Met.1b

Im Postfach findet sich dann kurze Zeit später der Seewetterbericht für die Nordsee. – Allerdings auf Englisch. Auch diese Informationen sind von der NOAA und anderen angeschlossenen Wetterdiensten für viele Reviere auf der ganzen Welt zu haben. Welche das sind, verrät natürlich auch wierder eine Mail an query@saildocs.com mit dem Inhalt „send index“.

Neben dem Wetterbericht sind da übrigens auch die Schlagzeilen von Reuters (send Reuters-Daily-News) oder Scuttlebutt’s Newsletter aus der amerikanischen Segelszene (send scuttlebutt) abrufbar.

Abonnements

Jede "einfach gestaltete Webseite kann per Saildocs angefordert werden

Jede „einfach gestaltete Webseite kann per Saildocs angefordert werden

Wetter macht aber klar den Kern des Services aus. Die Vorhersagegebiete für den Atlantik erfährt man mit „send nws-atl“ und wer im Sommer in der Karibik unterwegs ist, sollte „atl.outlook“ und „atl.update“ zudem sogar abonnieren. Denn auch das geht mit Saildocs. In diesen Mails werden dann herannahende Tropenstürme frühzeitig angekündigt.

Alle Daten, die man sich senden lassen kann, können so abonniert werden, auch GRIB-Files. Dazu dient statt dem „send“ Kommando, das Wort „sub“. Eine Subscription (= engl. Abonnement) läuft dann für 14 Tage. Mit dem Zusatz DAYS=[Tage] am Ende der Zeile kann das aber auch beliebig verlängert oder verkürzt werden.

Ist das gesuchte Revier nicht in Saildocs enthalten, kann eine Suche bei Google helfen. Viele Wetterdienste stellen Vorhersagen in reinen Textnachrichten auf ihre eigenen Webseiten. Hat man so eine Seite gefunden, genügt der Link dorthin und Saildocs kann auch diese Informationen abgreifen und per Mail versenden.

Eine Mail vor einem zehn Tage langen Törn durch die Friesischen Inseln liefert dann täglich automatisch alle relevanten Informationen jeden Tag in den Posteingang:

sub gfs:54N,53N,5E,8E/0.5,0.5/0,2,…,24/WIND,WAVES,PRESS,CAPE DAYS=10

sub http://www.dwd.de/DE/leistungen/kuestenseewetterbericht/kuestenseewetterbericht.html DAYS=10

sub http://www.dwd.de/DWD/wetter/wv_spez/hobbymet/wetterkarten/bwk_bodendruck_na_ana.png DAYS=10

Das Ergebnis: Täglich für die nächsten zehn Tage drei Mails mit dem Küstenwetterbericht des Deutschen Wetterdienstes, und eine zweite Mail (Achtung 4MB!!) mit der grafischen Bodenanalyse und die GRIB Daten für das Revier mit einem Raster von zwei Stunden.

Saildocs bietet damit eine Fülle an Informationen vollkommen kostenlos und ohne viel Zeit auf den Webseiten der Wetterdienste verbringen zu müssen. Wer sich einmal mit dem System vertraut gemacht hat, wird es wohl auf keinem längeren Törn mehr missen möchten