Surmwarnlampen vor endlosem Grau (Foto: Hinnerk Weiler)

Sturmwarnlampen vor endlosem Grau. An so einem Tag wünscht man sich Gemütlichkeit an Bord.

Kleine Kreise bedecken die bleiern daliegende Oberfläche des Hafenwassers. Am Ufer blinken die gelben Lampen der Sturmwarnungen. – Herbststimmung im Hafen von Gohren. Die Charterschiffe an Steg 14 liegen reglos mit dem Heck am Steg in den Boxen. Wer heute nicht hier ist, der kam gestern nicht hier an. Nur hier und da huscht ein Regenschirm unter den Biminis hervor, begleitet von einem beherzten Schritt in den Regen und dem Entschluss nass zu werden, während sein Träger entlang der rutschigen Bretter zum Ende des Steges geht.

Irgendwann an diesem Tag geht trotzdem jeder dorthin. Von dort aus kann man durch die Einfahrt des Hafens auf den See blicken. Ein Spalt Realität außerhalb der von hohen Bäumen geschützten Marina in dem sich sehnsüchtige Blicke verlieren, mit Verachtung wechseln und wankelmütig in Richtung Hoffnung blicken wollen, während ihre Augen weiße Schaumkämme verfolgen. Das Gegenüberliegende Ufer ist nicht auszumachen. Für einen Moment bekommt der Bodensee doch so etwas wie Weite und Größe.

Ordentlich aufgereiht: Segelboote warten auf den Törn der heute nicht beginnt

Ordentlich aufgereiht: Segelboote warten auf den Törn der heute nicht beginnt

Wohl unter Termindruck verlässt ein Boot den Hafen, nur um sich binnen Minuten im undurchsichtigen Grau in unsichtbares Grau zu verstecken. Seit Wochen fiel das Thermometer kaum unter 25 Grad, heute klettert es mit Mühe auf zwölf. Es ist August, es sollte Hochsommer sein. Der See verwehrt sich diesem Sollen und der Wind stimmt in den Masten ein jammerndes Klagelied über einen verlorenen Tag auf dem Wasser an.

Wären wir auf einem Eignerschiff, wäre dieser Tag vielleicht willkommen: Ölwechselwetter, Bilgenputzwetter, Kartentischaufräumwetter. – Regentage haben im Alltag an Bord ihren Platz, eine Daseinsberechtigung und viele Namen. Dieses Schiff ist aber kein Eignerschiff; obwohl das eigentlich irreführend ist: Natürlich hat es einen Eigner. Jedes Schiff gehört schließlich jemandem.

Nur ist der Eigner dieser Bavaria 32 in vielerlei Hinsicht nicht Teil des Bootes. Es gibt kaum Hinweise darauf, dass überhaupt menschliches Leben an Bord stattfand, bevor wir an Bord kamen. Dafür Akkurat geputzte aber seelenleere Schwalbennester, die sich Bücher und Erinnerungen an vergangene Fahrten wünschen. Es gibt keine Bücher, nur verloren hinter einer Schapptür einen abgenutzten Hafenführer für das Revier von Überlingen bis Bregenz. Eine nüchterne Auflistung: Anzahl der Klos, Stromanschlüsse und Wassertiefen. Das ist keine Reiselektüre um sich in diese Häfen tu träumen.

Wenn das warten ein Ende hat, ist der Lohn ein weiter See.

Wenn das Warten ein Ende hat, ist der Lohn ein weiter See.

Der Salon lädt zum Platznehmen an einem kahlen Tisch ohne Tischdecke ein, es liegen keine mit einem Anker bestickten Kissen in der Ecke auf den Polstern, es hängen keine Souvenirs aus fernen Häfen, an der Lampe über dem Kartentisch. Alles an Bord lässt sich auf einem Blatt Papier auflisten und wird bei der Übergabe akribisch abgehakt.

Charterschiffe sind an Regentagen wie die seelenlosen Zimmer eines Business-Hotels; minimalistische Werkzeuge, die zum Urlaubsglück führen sollen. Regen und Sturm machen den seelenlosen Schiffskörper zum Wartesaal.

Der Blick des Wartenden fällt immer wieder durch das Luk hinaus. Sie ist die Anzeigetafel, die zu jedem Wartesaal dazugehört, doch hier stehen keine Abflugzeiten für eine Reise in ferne Länder. Stattdessen rinnen Tropfen an der getönten Scheibe herab. – Werden es weniger, sind wir zum Start bereit.