Vom Alltag auf Frachtsegelschiffen im 21. Jahrhundert

„Ich bin kein Seemann.“ So beginnt der Text zum Bildband „1000 Meilen Wind“ von Wolfgang Heisel. Er schreibt auf 177 Seiten mit mehr als 200 Fotos über seine Reise als Trainee auf dem Frachtsegler TRES HOMBRES. Heisel segelte sieben Monate als Abenteurer und Reporter von Den Helder über Norwegen, die Kanaren, Kapverden, in die Karibik und zurück. Er beschreibt und fotografiert den Alltag an Bord sowie seine Eindrücke der Reise.

177 Seiten und mehr als 200 Fotos – für einen Bildband enthält das Buch überraschend viel Text. Einen Einblick mit Bildern auf dem Projekt gibt es auch im digitalen Magazin für Fotografie: kwerfeldein.

Die Fotos sind im Reportage-Stil gehalten, die Motivauswahl abwechslungsreich. Es gibt Portraits der Crew, Tierfotos, Fotos von den täglichen Arbeiten auf See und an Land und natürlich vom Schiff. Für einen Bildband enthält es für mich überraschend viel Text, dafür fehlen Bildunterschriften komplett. Der Text unterstützt die Stimmung der Bilder und andersherum. – Heisel erzählt aus seiner ganz persönlichen Sicht, erzählt seine Geschichte.

1000-meilen-wind-wolfgang-heisel-tres-hombres-segelreise-karibik-frachtensegler-segelschiffDas macht es interessant. Sein Buch ist kein Bericht über die TRES HOMBRES, nicht die Geschichte der Crew und schon gar kein Reiseführer zu der klassischen Route über den Atlantik.

Er beschreibt die Reise unverblümt und ehrlich ohne Traditionssegler-Romantik: „… segeln ist nicht so romantisch. Zumindest nicht in unserem Fall. (…) Es ist das zehnte Tief mit Windstärke sieben oder mehr auf unsrer Reise, zehn Stürme in acht Wochen.“ Der Alltag an Bord ist hart und das Leben als Trainee anders, als Heisel es sich vorgestellt hat. Heisel bleibt dabei authentisch und glaubwürdig ohne Übertreibungen. Im Kontrast dazu stehen die bewegenden Momente der Seereise, der Ausruf „Land in Sicht!“ nach einer anstrengenden Etappe, ein Regenbogen über La Palma kurz vor dem Landfall oder entspanntes Segeln im Passatwind.

Besonders diese positiven Eindrücke werden von den Bildern unterstützt. Viele der Fotos erzeugen Fernweh, nicht nur die Klassiker vom Palmenstrand oder die TRES HOMBRES vor Anker im Abendlicht.

Reiseroute der Treshombres. (Quelle: segelradio)

Reiseroute der Treshombres. (Quelle: segelradio)

Zwischendurch blitzt Kritik an der Schiffsführung durch. „Niemand aus der Crew scheint die genauen Pläne zu kennen, und so sitzen wir auf Abruf an Bord oder eilen uns, noch die letzten Dinge an Land zu erledigen.“ Fotos oder Berichte von Ausflügen oder touristischen Aktion sind selten. Auf langen Seeetappen sitzt man nun mal die meiste Zeit an Deck, guckt aufs Meer, repariert das Schiff. Langweilig wird das Buch trotzdem nicht. Actionbilder und ruhigere Aufnahmen wechseln sich ab. Schiff und Crew sind sehr fotogen und von Heisel gut in Szene gesetzt. Die Crew, offenbar alle jung und verwegen, wirken mit dem Schiff als Kulisse wie Piraten, die Bilder vom Laden und Löschen der Ladung zeigen eine andere Welt.

Ob nun Seemann oder nicht, fotografieren kann er und schreiben auch. Insgesamt ist es ihm gelungen mich auf seine Reise mitzunehmen. Eben weil es eher ein persönliches Reisetagebuch ist als eine Reportage über das Schiff. Großsegler-Freund muss man also nicht sein, um das Buch zu lesen. Noch nicht einmal Seemann, ganz normaler Segler reicht auch. Eine schöne Abwechslung zu den üblichen Reiseberichten von Langfahrtseglern.

Interesse? Das Buch gibt es direkt im Shop auf 1000meilenwind.de
Infos zum Schiff: www.treshombres.at

Von |2016-06-13T08:28:25+00:0012. Juni 2016|Bücher & Filme|0 Kommentare

About the Author:

Susanne segelt vor allem allein, dann aber auch gern mal weit weg. Zum Beispiel nach Norwegen und ohne Motor wieder zurück. Mit ihrem neuen Schiff ist sie vor allem im Englischen Kanal und auf der der angrenzenden Nordsee unterwegs.

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