In acht Stationen segeln die Teams um die Wette. Grafik: extremesailingseries.com

In acht Stationen segeln die Teams um die Wette. Grafik: extremesailingseries.com

Der Hamburger Hafen, wo üblicherweise genormte farbenfrohe 20-Fuß Container das Ufer des Elbstroms bestimmen, boten die Rennkisten der Extreme Sailing Series am vergangenen Wochenende ein buntes Spektakel vor der Hafencity. Sie machten Hamburg zur vierten von acht weltweiten Stationen der Rennserie, die im Dezember in Sydney ihren Abschluss findet.

Im vergangenen Jahr zeigte sich die Elbe wild, aufgepeitscht durch starken Wind, fliegendes Wasser beherrschte das Bild. In 2016 sollten es nun fliegende Boote sein. Die neuen GC32 Hydro-Foil Katamarane erlauben bei entsprechenden Bedingungen bis zu 40 Knoten.

Extreme Sailing Series – Segeln auf einem GC32 Katamaran

SegelnBlogs durfte auf Einladung von Land Rover mitfliegen – doch ausgerechnet da macht Petrus eine Atempause, anstatt für ein ordentliches Lüftchen zu sorgen. Bei 1-2 Beaufort wird uns der Lift-Up im sonst windverwöhnten Hamburg verwehrt bleiben.

"Fried like German Saussage" – Trotz praller Sonne und leichtem Wind zeigen die Boote, was für Kräfte in ihnen stecken. (Foto: Hinnerk Weiler)

„Fried like German Saussage“ – Trotz praller Sonne und leichtem Wind zeigen die Boote, was für Kräfte in ihnen stecken. (Foto: Hinnerk Weiler)

Zumindest unsere Ausstattung als Gastsegler zeugt aber davon, dass es bei anderen Bedingungen schwer zur Sache geht: Racing-Ölzeug, die Regattaweste, alles gestellt vom Sponsor Landrover und markant beschriftet: „Buyoncy is required!“. Helm, Handschuhe und geeignetes Schuhwerk sind Pflicht – und aufgrund der sommerlichen Temperaturen schweißtreibend. Eine russische Kollegin kommentiert entsprechend: „We will be fried like German sausage“.

Sie behält Recht, bis wir das RIB des uns zugeteilten österreichischen RED BULL SAILING Teams besteigen dürfen, steigt nicht nur die Spannung, sondern auch die Körpertemperatur.

Mit österreichischer Gelassenheit in Gleitfahrt geht es dann zum Katamaran: „You are German“ – „dann können wir uns ja in Landessprache unterhalten – also zumindest ungefähr!“

Kurze Erklärungen. Das RIB stellt mit zwei Team Mitgliedern technischen und taktischen Support sowie die Verpflegung des Teams sicher. – Neben einer Winschkurbel wandern Trinkflaschen und Müsliriegel in einer Tüte aus dem Oman – der ersten Station der Rennserie – hin und her.

GC32

(Foto: Hinnerk Weiler)

Wir müssen uns beeilen, Race 1 des Tages startet in wenigen Minuten, ich darf an Board des Rennbullen, Hinnerk begleitet uns weiter im RIB und macht Fotos.

Der österreichische Skipper Robert Hagara nimmt mich in Empfang, und plaziert mich mit knapper Einweisung steuerbords:

„Die Leinen müssen frei laufen, Du kannst Dich am Beam anlehnen, bitte immer festhalten.“

Und dann folgt trotz der harmlosen Bedingungen ein kurzer Ausflug in eine Welt, die vom Fahrtensegeln ungefähr so weit entfernt ist, wie eine Autobahnfahrt mit Wohnanhänger von der Formel-1.

Der Plan ging in Hamburg erst am zweiten Renntag auf und sorgte für spektakuläre Bilder: Nur das Foil in Lee reicht bei mehr Wind aus, um den ganzen GC32 aus dem Wasser zu heben. (Foto: Lloyd Images)

Der Traum vom Fliegen ging in Hamburg erst am zweiten Renntag auf und sorgte für spektakuläre Bilder: Nur das Foil in Lee reicht bei mehr Wind aus, um den ganzen GC32 aus dem Wasser zu heben. (Foto: Lloyd Images)

Das beginnt beim Material: Die Katamarane wirken auf Augeshöhe erst einmal verhältnismäßig klein auf mich. Die Perspektive ändert sich, sobald ich meinen Blick in das Rigg richte. Über mir erheben sich 16 Meter High Performance, ein roter Bulle mit drohend gesenkten Hörnern und ein 88 qm Gennaker. Unter uns zwei 2,5 m lange aufholbare Foils. Sie haben die Form eines „J“ und sorgen einerseits wie klassische Schwerter für Seitenwiderstand als Gegenkraft zum Druck der Segel. Im unteren, gebogenen, Teil schaffen sie Auftrieb. Ähnlich wie bei einem Flugzeug heben die anliegenden Strömungskräfte die GC32 Kats damit in die Höhe, so daß sie am Ende auf nur noch einem einzigen Foil schweben.

(Foto: Hinnerk Weiler) GC32 in Hamburg bei den ExSS Extremesailing Series 2016 ESS2016

(Foto: Hinnerk Weiler)

Die fünfköpfige Crew weiß selbstredend, wie das zu bewerkstelligen ist – das österreichische Team vereint 56 internationale Medaillen auf sich. Alle sieben Teams bringen es auf mehr als 300 Stücke Edelmetall. Die Auszeichnungen reichen von America’s Cup über Olympia bis hin zu Weltmeisterschaften und Rekord-Weltumsegelungen. Die Tatsache, dass viele von ihnen in kleinen Bootsklassen wie dem Laser Ihre Karriere begründeten, schafft zumindest eine Verbindung zu der mir gewohnten Segelwelt.

Zurück in die Renn-Realität. Mit dem zwei-Minuten Signal plärrt noch eine Anweisung zum Kursverlauf aus dem Funkgerät. Bunte Regattatonnen liegen im Fahrwasser vor dem Chicagokai aus. „Red – Starbord – Yellow Gates…“ wiederholt der Taktiker Hans-Peter Steinacher den Kursverlauf. Plötzlich ein Surren, der Katamaran eines generischen Teams schwirrt auf einem Rumpf beinahe drohend an uns vorbei. Für das finale Lift-Off aber reicht der Wind auch ihm nicht aus. Trotzdem ein beeindruckendes Bild, mit dem wir kurz darauf ins Rennen starten.

Trotz der moderaten Windbedingungen und für diese Katamarane recht langsamen Geschwindigkeiten, beeindruckt mich der Geräuschpegel und die Agilität. „Wie genial wäre es, dieses Boot bei nur ein, zwei Windstärken mehr zu erleben!“, denke ich. „Bitte, bitte, nur ein Quentchen mehr bewegte Luft!“ Was für ein Kraftpaket. Die Kiste will laufen!

Das Boot setzt jede kleine Böe unmittelbar in Speed um, mit steigerndem Tempo beginnt das ganze Material zu singen. Es ist zunächst ein kaum hörbares dunkles Summen, das sich stetig steigert. Der Ton wird höher, als der Kat an Fahrt gewinnt. Ich nehme gar nicht wahr, ob das Boot arbeitet, vibriert. Das mag am verbauten Carbon liegen. Oder an meiner Anspannung. Die Situation ist ganz gut mit der Startphase eines Flugzeugs vergleichbar. Kurz vor dem Take-Off ist es laut, es kribbelt im Bauch und die Welt fliegt immer schneller vorbei. Ob der GC32 im Moment des Abhens ebenso unvermittelt ruhig wird, wie der Lienienflieger von Hamburg nach Frankfurt? – Im nächsten Moment ist die Böe durch. Das Boot wird langsamer, schweigt wieder.

(Foto: Lloyd Images)

(Foto: Lloyd Images)

Dafür ist die Crew ist in ständigem Austausch. Keine Sekunde herrscht Stille. Der Taktiker beobachtet das Feld und das Wasser. Die Windverhältnisse im Hafen sind unstet, die Bebauung schafft Windkanäle und Flautezonen. Dazu kommt der Elbstrom.

„They have no pressure, no pressure – gust over there – Team Oman ahead…!“ Der nicht abreißende Abstimmungsprozess des Teams fliegt über meinem Kopf hin und her, ebenso die Crew selber. Unentwegt federn Beine und Arme an mir vorbei und über mich hinweg – Ich habe nur eine Aufgabe: sitzen bleiben, Beine runter, im Nylonnetz des Trampolins festhalten.
Wiederholt springt der Bugmann über meine Beine. Ich mag kaum die Füsse bewegen. Nur keine Stolperfalle erzeugen! Läuft die Leine unter meinem Sitzplatz im Trampolin wirklich frei? Ja doch.

Eine Weile versuche ich, den Bewegungsabläufen und den Vorgängen auf der Regattabahn optisch zu folgen. Ohne nennenswerte Regatta-Erfahrung, wirkt das alles wie ein buntes, lautes Durcheinander. Woher, wohin? An welcher Position segeln wir? Jede Sekunde passiert etwas im engen Regattafeld. Ich habe keine Chance, all das so schnell zu erfassen und einzuordnen.
Ich konzentriere mich schließlich auf die akustischen Eindrücke und meine in aller Bescheidenheit den roten Faden der Abläufe an Bord zu erkennen: Auf jede Information, etwa über einfallende Böen oder die Bewegungen der anderen Teams, folgt in der gleichen Sekunde eine Reaktion. Kursänderung, das Holen oder Fieren von Leinen, das Trimmen der Foils.

Die Crew funktioniert perfekt arbeitsteilig – Skipper, Taktiker, Großsegeltrimmer, Vorsegeltrimmer und Bugmann. Vermutlich könnten die fünf ihre fliegende Kiste blind nach den gehörten Vorgaben ins Ziel bringen und sind tollkühneres gewohnt als die Bedingungen dieses ersten Renntages.

Dennoch gibt das 15-minütige Rennen einen tollen Eindruck davon, wie es zugeht auf einem High-Performance Katamaran – Entscheidungen fallen in Sekundenbruchteilen, das Team läuft wie ein Uhrwerk, und natürlich hat ein GC32 Katamaran einen wesentlich atemberaubenderen Wendewinkel als ein Fahrtenboot. In einem Moment läuft der Kat wie auf Schienen geradeaus, um sich im nächsten Moment jäh in die Wende zu werfen. Dazu kommt die ultimative Ausnutzung des Reviers – Kaimauern und Uferböschung kommen zum Greifen nahe, der Einfluss jedes Bauwerks auf den Wind wird optimal in die Manöver integriert. – Jede Wende und Halse fühlt sich für mich als Ostseeskipper an wie ein Manöver des letzten Augenblicks, präzise, mit einer Handbreit reserve. Kein Wunder. Dort habe ich in der Regel viel Platz. Und viel Zeit, meine Famielienkutsche um die Kurve zu steuern.

Auch wenn der rote Bulle heute nur mit den Hufen scharren durfte und den tollkühnen Männern der Lift-Off zur fliegenden Kiste verwehrt blieb: Der kurze Ausritt auf der Elbe war ein beeindruckender Ausflug in eine andere Welt des Segelns!

Den erhofften schnellem Lift gibt es zum Abschluss dann doch. Das Team-RIB befördert mich mit „Hebel on the table“ und Full-Speed in der kurzen Pause bis zum zweiten Rennen des Tages zurück an Land.

Extreme Sailing Series Act 4 Hamburg (Foto: Lloyd Images)

(Foto: Lloyd Images)

Von hier aus applaudieren die Zuschauer gerade den Erstplazierten des Laufes. – In Hörweite der Crews. Auch das ist etwas besonderes an den Extreme Sailing Series in Hamburg: Die Rennen finden direkt vor dem Race-Village mit seinem bunten Rahmenprogramm statt. Ich freu‘ mich jetzt schon ihnen im nächsten Jahr zuzusehen!

 

Der Zwischenstand nach den Rennen in Hamburg:

RANK TEAM MUSCAT QINGDAO CARDIFF HAMBURG
1  Oman Air 12 11 12 12 47
2  Red Bull Sailing Team 11 10 11 10 42
3  Alinghi 9 12 9 11 41
4  SAP Extreme Sailing Team 8 7 10 9 34
5  Land Rover BAR Academy 10 9 6 6 31
6  CHINA One 7 6 8 8 29
7  Sail Portugal-Visit Madeira 5 8 7 7 27
8  Team Turx 6 5 11