Text & Fotos: Corvin Rabenstein

Schon lange wollten wir einen Segeltörn im hohen Norden angehen. Die Wahl fiel letztendlich im Sommer 2018 auf eine Kombination aus Finnland und Estland. Die reiche Schärenwelt Finnlands und das uns noch unbekannte und so fremd scheinende Estland waren für uns eine tolle Alternative zu altbekannten Segelrevieren rund um Schweden. Das Segeln im Reich der Mitternachtssonne hatte uns schon immer gereizt und in Verbindung mit unserer Neugier war Estland das perfekte Ziel, um neue Ufer zu entdecken.

Die unberührte Schärenlandschaft Finnlands ist geprägt von rund 100.000 kleinen Inseln und Felsen. Die können bisweilen etwas tückisch sein, mit etwas Segelerfahrung aber durchaus gut machbar. Außerdem ist es in Finnland möglich, auf offener See zu segeln, wie auch in geschützten Gewässern. Der Vorteil: Die Finnen sind auf Segler bestens vorbereitet, entlang der zauberhaften Küste gibt es rund 240 Yachthäfen und Marinas. Dazwischen immer wieder malerische Dörfer mit eigenen Anlegestellen, ruhige Buchten und natürlich überall nordische Idylle.

Auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens liegt Estland. Zwischen den beiden Hauptstädten, Helsinki und Tallinn liegen rund 44 Seemeilen. Für uns noch völlig unbekannt, aber deshalb auch so spannend wollten wir dieses vielfältige Segelrevier auf jeden Fall mitnehmen. Die Kombination aus unberührter Natur und quirligen, geschichtsträchtigen Städten war für uns ein Grund, Estland vom Wasser aus einmal näher kennenzulernen. Darüber hinaus haben Finnen wie Esten einen Sinn für das Außergewöhnliche. Wo sonst in der Welt ist man stolz darauf, Weltmeister im Frauentragen gewesen zu sein?

Sonntag, 19.08., Taalintehdas, Finnland

Nach einer etwas turbulenten Anreise am Vortag ging es früh am Morgen vom Hotel in Helsinki zu unserem Ausgangspunkt in Taalintehdas. Wir sind nicht unbedingt Frühaufsteher, erkennen aber bald, dass es sich gelohnt hat, das Bett schon um 5 Uhr zu verlassen. Die Sonne kündigt sich bereits an und bald ist der Himmel von zarten Farbtönen durchzogen. Während wir mit dem Bus zum Hafen fahren, begegnet uns plötzlich ein Elch. Und trotz unseres Wissens wie groß Elche werden können, sind wir beeindruckt, WIE groß sie wirklich sind. Wir nehmen die Sichtung als gutes Omen und freuen uns auf unser Schiff, mit dem wir am späten Vormittag den Hafen bei wunderschönem Wetter und angenehmen Temperaturen mit unserem Skipper Tuomas in Richtung Hankö verlassen. Dort hält die Marina für uns alles bereit, was wir uns wünschen – insbesondere eine finnische Sauna, die wir selbstverständlich ausgiebig nutzen.

Montag, 20.08., Dirhami, Estland

Damit wir uns auch ja an das frühe Aufstehen gewöhnen, geht es auch heute früh morgens los. Vor uns liegen geschätzt rund 6 Stunden Segelzeit auf dem Finnischen Meerbusen. Nicht für jeden von uns eine besonders prickelnde Vorstellung – bald sieht man den ein oder anderen etwas Blass an Deck stehen und nach Luft ringen. Dank guter Windverhältnisse sind wir schneller als erwartet in Estland und erst einmal beeindruckt. Ein kleiner, idyllischer Hafen heißt uns willkommen – inklusive einer ganzen Schar von Schnaken. Nachdem wir uns in ein Restaurant in den Dünen vor den Blutsaugern gerettet haben, genießen wir ein hervorragendes Abendessen und lassen den Tag bei einem wunderbaren Sonnenuntergang noch einmal Revue passieren. Wir stellen fest, dass die Esten den Finnen in Sachen Saunieren in nichts nachstehen, und für einen Großteil von uns geht es auch hier nochmal in die angenehme Hitze.

Dienstag, 21.08., Lohusalu, Estland

Wir landen hier nur, weil die kleine Halbinsel zwischen Dirhami und Tallinn liegt. Eigentlich ist es hier wenig spektakulär, bis wir davon hören, dass im Hafen eine Nerzfamilie lebt. Besonders unsere weiblichen Mitglieder sind hin und weg davon und versuchen verzweifelt, Fotos mit ihrem Handys zu machen. Allerdings ohne großen Erfolg – denn als sich die Familie zeigt, ist es bereits Abend. Im Halbdunkel entstehen nur verwackelte Bilder, während Familie Nerz von einer Deckung zur nächsten flitzt und uns interessiert beobachtet.

Mittwoch, 22.08., Tallinn, Estland

Früh am Morgen geht es wieder los. Wir segeln nach Tallinn. Keiner von uns war bisher dort und wir sind alle gespannt, was uns dort erwartet. Schon die Einfahrt in den Hafen ist spektakulär. Hier tummeln sich Fähren und Kreuzfahrtschiffe und uns wird der Unterschied zwischen dem ländlichen Estland und der Hauptstadt bewusst. Hier ist alles so viel lauter, größer, quirliger. Beeindruckt machen wir uns nach dem Festmachen auf in Richtung Altstadt. Überall gibt es hippe Cafés und Restaurants. Moderne Architektur wird bald abgelöst von historischen Gebäuden und wir fühlen uns ein bisschen in der Zeit zurückversetzt. Wir nutzen die Plattform der Domkirche, um uns die Stadt einmal von oben anzusehen – es lohnt sich! Nach einem Besuch im Fischerviertel Kalamaja reicht es uns dann aber auch. Die Füße schmerzen, der Hunger ist groß und wir kehren ein in die Olde Hansa. Ein tolles Restaurant, das direkt der Hansezeit entsprungen scheint.

Donnerstag, 23.08., Helsinki, Finnland

Von Tallinn aus geht es für uns heute wieder zurück nach Finnland. Wir haben mit dem Wetter Glück – wie erstaunlicherweise bislang die ganze Reise. Helsinki steht Tallinn in nichts nach und auch hier begrüßen uns Fähren und Kreuzfahrschiffe im Hafen und machen uns deutlich, wie klein unser doch so groß geglaubtes Segelschiff „Vilma“ eigentlich ist. Wir legen an und machen uns auf, die Stadt zu erkunden – auch wenn unsere Füße vom Vortag noch etwas in Mitleidenschaft gezogen sind. Die Stadt entpuppt sich ebenfalls als eine faszinierende Verbindung aus Geschichte, Kultur und Lifestyle. Nach einem Rundgang durch die Stadt und einem guten Essen stürzen wir uns hier ins Nachtleben und sind begeistert. Während ein Teil der Gruppe sich in eine gemütliche Kneipe zurückzieht, wandert der Rest von uns weiter und entdeckt einen tollen Club, in dem wir bis weit nach Mitternacht feiern.

Freitag, 24.08., Helsinki, Finnland

Nachdem einige von uns erst spät zum Schlafen gekommen sind, genießen wir es, heute noch einmal einen Tag in Helsinki zu verbringen. In kleinen Grüppchen schnuppern wir noch einmal den Flair der Stadt, gehen shoppen oder sehen uns Museen an, wie beispielsweise das Geldmuseum – wieder so eine Besonderheit der Finnen. Gewöhnliche Museen kann ja schließlich jeder.

Samstag, 25.08., Hankö, Finnland

Wir kehren zurück nach Hankö. Es ist wohl das letzte Wochenende der Saison, wie wir erfahren. Alles ist ziemlich ruhig und es sind nur wenige Menschen unterwegs. Nach Helsinki und Tallinn kommen wir hier wieder zur Ruhe und haben Zeit für ausgedehnte Saunagänge und ein paar letzte Einkäufe. Wie zum Abschied schenkt uns Finnland an diesem Abend noch einmal ein hervorragendes Abendessen und einen gigantischen Sonnenuntergang. Einer dieser besonderen Momente, an dem wir schweigend nebeneinander auf einer Düne sitzen und die letzten Tage noch einmal an uns vorbeiziehen lassen.

Sonntag, 26.08, Taalintehdas, Finnland

Zurück an den Ort, an dem vor einer Woche alles begann. Diesmal erwartet uns zwar kein Elch, dafür begegnen uns allerdings einige Seehunde. Wir freuen uns über diesen Empfang und laufen in den Hafen ein, an dem nun unser Abenteuer Finnland und Estland endet.

Für uns war ein Segeltörn zwischen Finnland und Estland eine spannende Erfahrung. Leider hatten wir in dieser kurzen Zeit nicht die Möglichkeit, alles zu sehen, was uns interessiert hätte. Dafür haben wir aber einen tollen Einblick in zwei Länder bekommen, die für uns alle nicht nur geografisch, sondern auch kulturell schwer fassbar waren. Besonders spannend waren die Unterschiede zwischen Großstädten und der ländlichen Idylle zu fassen. Die riesigen Naturparks mit einer vielfältigen Tierwelt – von denen wir mit etwas Glück ja einige zu sehen bekommen haben – vermitteln so viel Ruhe, wie man es hierzulande kaum kennt. Dank unserem Skipper Tuomas war die Navigation in den Schären trotz aller Aufregung gut zu meistern. Highlight war für uns alle tatsächlich Tallinn, eine Stadt, die wir doch gerne noch einmal besuchen möchten. Wer weiß, vielleicht ja noch einmal im Rahmen eines Segeltörns. Wir wären auf jeden Fall mit an Bord!