Mit brachialer Gewalt sind die über 18 Meter hohen Wellenberge infolge des Hurrikans Lorenzo auf den Azoren eingetroffen. In den letzten Stunden überschlagen sich verstörende Fotos und Videos aus der, zu Portugal gehörenden, Inselgruppe. Rund 1000 Seemeilen westlich des europäischen Festlands ereignen sich Szenen, die man als Europäer sonst nur aus der weit entfernt geglaubten Karibik kennt.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=9CuhXIvVOU0

(Video: Youtube/FobusPlanet)

Zugbahn von Lorenzo über den Irland und England (Grafik: NOAA)

Zugbahn von Lorenzo über den Irland und England (Grafik: NOAA)

Inzwischen zieht der Wirbelsturm weiter Richtung Irland und wird dort im Laufe des Abends eintreffen. Aktuelle Vorhersagen schreiben ihm dabei noch die Stärke eines tropischen Wirbelsturms zu und werfen die Frage auf, ob das Attribut „tropisch“ überhaupt im Zusammenhang mit Irland zutrifft.

Mit dem Erreichen des Festlands dort wird der Sturm dann jedoch rasch an Stärke verlieren und gleichzeitig einen deutlichen Knick nach Südosten in seiner Bahn vornehmen. Seine Überreste sorgen zum Wochenende vor allem über Südengland für erhebliche Regenfälle und Starkwind. Belgien, die Niederlande und Teile Norddeutschlands müssen sich voraussichtlich nur noch auf einen „normalen“ Herbststurm mit ungemütlichem Wetter einstellen.

Wie kommt ein Tropensturm nach Nordeuropa

Bei uns wird Lorenzo also nicht unbedingt zum Jahrhundertsturm. Bemerkenswert bleibt er dennoch: Wirbelstürme, und damit auch Hurrikane, entstehen in der Regel durch atmosphärische Störungen bereits über Afrika. Diese so genannten Tropical Waves gewinnen dann über dem warmen Wasser des mittleren Atlantiks an Energie und erreichen als handfester Sturm die Karibische See, wo sie langsam nach Norden abdrehen und ähnlich der Form eines Hockeyschlägers nach einen mehr oder minder großen Bogen nach Osten machen.

Schon auf halbem Weg in die Karibik drehte der Wirbelsturm ab. (Grafik: NOAA)

Lorenzo hat diese Route erheblich verkürzt und drehte bereits auf halbem Weg in die Karibik nach Norden ab. Auch das passiert gelegentlich, bedeutet aber normalerweise einen selbst verursachten Dolchstoß für Tropenstürme. Treffen sie im Norden auf kälteres Wasser, verlieren sie an Energie und flauen ab.

In Folge zweier sehr warmer Sommer und milder Winter hatte Lorenzo bis zum Eintreffen auf den Azoren jedoch noch weiter an Energie gewinnen können. Erst auf dem Weg nach Irland erfolgt nun die Abkühlung.

Damit wurde er zum bislang stärksten je gemessenen Wirbelsturm, der seine Bahn bis nach Nordeuropa gefunden hat und setzt eine weitere Marke bei der immer stärker zunehmenden Dichte von Wetterextremen infolge der weltweiten Klimaveränderungen. Es darf also angenommen werden, dass bei weiter steigenden Temperaturen im Nordatlantik, Lorenzo kein Einzelfall bleibt.