Torsten Reischmann wurde auf seinem ersten Mitsegel-Törn von Australien nach Thailand vom Segelvirus infiziert. Das war vor rund zehn Jahren. Inzwischen organisiert er selbst solche Reisen in nicht überlaufenen Segelrevieren und möchte mehr Menschen für längere Törns begeistern.

Thorsten Reischmann

Thorsten Reischmann

Wie bist Du zum Segeln gekommen?

Nach Beendigung meines Wirtschaftsmathematikstudiums im Jahr 2008, wollte ich vor dem Berufseinstieg noch etwas länger und weiter weg. Daraufhin habe ich ein 90-Tage Gap-Semester-Programm gefunden und wusste sofort instinktiv, dass ich das machen will.

Dies bedeutete Segeln von Australien über Bali, Indonesien, Singapur und Malaysia nach Thailand mit 24 Studenten und 6 Profi-Seglern auf einem damals fast neuen, speziell für das Programm gebauten 33-Meter Schoner. Neben einer Segel- und PADI Tauchausbildung gab es noch ein paar sehr angewandte Meeresbiologie- und Ozeanographie-Vorlesungen, die das praktische Segel und Landerkundungsprogram ergänzt haben.

Seitdem bin ich vom Segelvirus infiziert, habe inzwischen in Summe fast ein Jahr auf dem Segelboot verbracht und rund 10.000 Seemeilen zurückgelegt.

Was macht dieses Virus mit einem?

Heute wissen wir, dass Viren ebenso zum Guten verwendet werden können wie es welche gibt, die schädlich sind, denn allgemein ist Ihre Wirkungsweise, dass sie den Körper umprogrammieren. Das passt ganz gut zum Segelvirus: Wenn man einmal das Freiheitsgefühl von Wind und Wellen auf offener See und das Erkunden schwer erreichbarer Natur in einer abenteuerfreudigen Gruppe erlebt hat, will man es immer wieder, auch wenn es Zeit- und Geldintensiv ist. Zugleich lernt man auf engem Raum und mit reduziertem Komfort auch den Alltag wieder mehr zu schätzen und selbst dort mit weniger zufrieden zu sein. Hinzu kommt ein gesteigertes Verständnis für und Interesse am Umweltschutz und Nachhaltigkeit, um auch zukünftig noch die gewünschten Erlebnisse gesichert zu sehen. Vor allem aber ist der Segelvirus ansteckend, nur wenige die sich auf einen Segeltörn einlassen wollen danach nicht einen weiteren erleben.

Von Australien über Bali, Indonesien, Singapur und Malaysia nach Thailand mit 33-Meter Schoner.

Was waren die beeindruckenden Erlebnisse der Reise?

Direkt in den ersten Tagen haben wir am Great Barrier Reef geankert, um dort in der damals noch recht intakten Korallenwelt zu tauchen und zu schnorcheln. Aber es gab so viele tolle Eindrücke, sie alle aufzuzählen ist echt nicht leicht: Im Nordosten vor Australiens Küste haben wir ein noch weitgehend traditionell lebendes Aborigine-Dorf besucht. Von Darwin nach Bali war unsere längste Überfahrt, ca. 1000 Seemeilen in fünf Tagen in einem Drei-Gruppen-Wachsystem. Unterm Strich sind das maximal sechs Stunden Schlaf. Aber die freie Sicht auf den Horizont, nachts unter den Sternen, morgens der Sonnenaufgang im Rücken und abends der Sonnenuntergang am Bug. Das hat alles mehr als entschädigt für die Strapaze. Auf Bali war der Sonnentempel, trotz der alles klauenden Affen, ein atemberaubender Anblick. Borneo haben wir zwei Tage lang auf einem Flussschiff erkundet und sind tief in den Dschungel zu einem Orang-Utan-Reservat gefahren.

Der totale Kontrast dazu war kurz danach ein Wartungsaufenthalt in Singapur: Wir lagen in der damals nahezu neuen One15 Super Yacht Marina und haben von dort aus den hoch organisierten Stadtstaat erkundet. Auf Langkawi in Malaysia haben wir tief eingeschnittene Mangrovensysteme erkundet. Als krönenden Abschluss haben wir vor Phukets Küste am Kings Cup, der jährlichen Regatta zu Ehren des Geburtstages des Königs teilgenommen. Wir belegten in unserer Klasse sogar den zweiten Platz!

Eine kurze Zusammenfassung der Reise von Australien nach Thailand in Bildern habe ich damals als PDF zusammengestellt (hier).
Wer sich für das Gap Semester Programm interessiert, sei es um den Text besser nachvollziehen zu können oder auch weil es für Kinder, Enkel oder ihn selbst interessant ist, findet auf der Programmseite (hier) einige offizielle Videoeindrücke und viele weitere auf Youtube und Vimeo.

Was ist grundsätzlich das Besondere an einem Segeltörn?

Tag und Nacht auf See. – Segeln bietet eine Vielzahl an unterschiedlichsten Eindrücken

Der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist sicher einer der Hauptaspekte, der das Reisen generell so erfüllend macht. Sich selbst über seine eigenen Grenzen zu pushen ist immer eine Stärkung der eigenen Persönlichkeit. Ein Segeltörn ist da besonders vielfältig: Man kann Eindrücke an unterschiedlichen Orten der Route sammeln, neue Freunde an Bord finden, eine neue Sportart versuchen, wie z.B. das Tauchen. Natürlich lernst man auch viel. Über das Segeln selbst, das Wetter und Meer. Bedingt durch das Wetter, die Gruppe bzw. die örtlichen Gegebenheiten bringt jeder Tag etwas Neues und Ungeplantes mit sich: Eine abgelegene Bucht finden, sich spontan für ein Badestopp entscheiden, die Route an die Rahmenbedingungen anzupassen und vieles mehr!

Segeln bedeutet erfüllende Aktivität. Ein Urlaub auf dem Segelboot ist perfekt dazu geeignet, um den Stress von zu Hause hinter sich zu lassen und sich einfach auf das hier und jetzt auf See einzulassen. Die Umgebung ändert sich ständig: Eben noch umgeben von einsamen Buchten und Inseln, genießt man kurz danach den Blick auf einen endlosen Horizont. Geankert wird für die Nacht dort, wo es am schönsten ist.

Das alles gibt einem ein Gefühl endloser Freiheit – und das ist etwas Unbeschreibliches. Es ist ein großartiges Erlebnis in einer abgelegenen Bucht ohne Strom, WLAN oder Handysignal zu ankern sowie die Zeit mit der Crew und die Natur um einen herum zu genießen.

Aber einfach an Bord gehen und das mit “Fremden” – ist das nicht eine große Herausforderung?

Nein – es ist eine Chance neue Menschen und ihre Geschichten kennen zu lernen und besonders viel voneinander zu lernen. Etwas Aufgeschlossenheit sowie Spaß daran sind zweifellos hilfreich. Durch die gemeinsame Zeit auf engem Raum, neue Erlebnisse und geteilte Erfahrungen werden aus Fremden auf einem Boot aber schnell neue Freunde.

Muss ich Segelerfahrung mitbringen, um bei so einem Törn mitsegeln zu können?

Normalerweise nicht. Der Skipper ist dafür verantwortlich, das Boot weitgehend eigenständig mit nur ein paar einfachen unterstützenden Handgriffen zu führen. Somit ist es wichtig, seinen Hinweisen und Anweisungen am Anfang wirklich nachzukommen, um dann schrittweise jeden Tag etwas dazuzulernen und damit auch langsam selbstständiger an Bord zu werden. Je nach Interesse können auch mehr Aufgaben an Bord übernommen werden. Anders als beispielsweise beim Autofahren, kann fast alles delegiert werden. Jeder kann mal das Ruder übernehmen, beim Segeln oder Ankern mitwirken, Beiboot fahren oder sich in die nautische Planung einbringen.

Buchtenbummeln zur Entspannung oder Meilen-Reißen. –  Nicht jeder Skipper und nicht jede Crew haben die gleichen Erwartungen an einen perfekten Törn

Du hast seit dem immer wieder bei Mitsegelgelegenheiten angeheuert und einige Crews und Schiffe kennengelernt. Welche Yachttypen und Reviere sind für wen geeignet?

Das ist stark von persönlichen Präferenzen und dem Budget abhängig. Alle Törns, die ich in den letzten 10 Jahren gemacht habe, waren auf ihre Art eine tolle Erfahrung. Dabei war ich in Kroatien, Griechenland, Thailand, Karibik, Malaysia, an der Ost- und Nordsee sowie auf den Balearen und Kanaren. In den letzten Jahren habe ich eine Präferenz für Segelkatamarane entwickelt. Als schwimmende Badeplattform bieten die etwas mehr Komfort. Wer beim Urlaub an Bord Gemütlichkeit sucht, fährt damit also besser. Beim Revier ist das Mittelmeer natürlich schneller zu erreichen und bietet mehr Infrastruktur. Daher ist es für kleinere Yachten oder Gruppen attraktiver. Für das richtige Entdeckerfeeling mit tollen Tauchmöglichkeiten bieten vor allem die Karibik, Asien und die Südsee fantastische Segelrouten.

Was sind Deine Reisepläne für die nächsten Segeltörns, gibt es schon konkrete Planungen?

Ganz oben auf der Wunschliste stehen exotischere Ziel wie z.B. Seychellen, Kuba, Bahamas, Belize, und die Virgin Islands, vielleicht auch mehrere Abschnitte in der Südsee. Aber auch Kroatien und Griechenland finde ich immer wieder eine Reise wert.

Schon fest geplant und durchorganisiert mit Yacht, Route und Crew ist der Segeltörn auf den Seychellen ab Dezember 2019 mit einer Helia 44 und dann geht es vor Kubas Südküste im März 2020 mit einer Bali 4.0 auf Tour.

Gerade erst gestartet habe ich die Vorplanung für die Zeit danach. Da soll es eventuell ins Mittelmeer und definitiv noch mal nach Übersee gehen.

Mitsegeln ist ein Gruppenerlebnis

Kann man Deine Segeltörns verfolgen oder eventuell sogar mitsegeln?

Von den Seychellen- und Kuba-Törns werde ich hier auf SegelnBlogs berichten.

Die Törns werden von mir privat organisiert. Törnziel, Datum und Yacht suche ich primär danach aus, worauf ich im nächsten Urlaub Lust habe. Da es in den exotischeren Revieren oft nur wenige attraktive Yachten gibt, buche ich diese zumeist viele Monate im voraus, auch wenn die Crew noch nicht komplett ist und ich somit in die Vorfinanzierung gehe. Insofern gibt es oft kurz nach der Yachtbuchung auch noch freie Plätze, die ein mitsegeln ermöglichen. Bisher hat es immer geklappt bereits Monate vor dem Törn eine gute Crew zusammenzubekommen und neue abenteuerlustige Leute kennenzulernen gehört für mich zum Segelvirus auch dazu. Aktuelle Eindrücke und eine Übersicht über zukünftige Törns habe ich eine Facebook-Seite angelegt. Darüber kann man mich auch erreichen (hier).