Corona hat viel verändert. Für mich hat dabei auch das Image des Seglers erstaunlich unter der Pandemie gelitten: Wenig, was man in den letzten Wochen zu dem Thema in Zeitschriften und Sozialen Medien gelesen und gehört hat, lässt sich mit Attributen wie ruhig, tiefenentspannt oder auch nur souverän betiteln.

Segelyacht unter blauem Himmel vor aufziehendem Unwetter

Wenn ein Sturm aufzieht, bleiben wir selbstverständlich im Hafen

Dabei würde man gerade von Seglern doch eigentlich eine gewisse Resilienz gegenüber einem Naturphänomen erwarten.

Gebetsmühlenartig predigen wir gerade den Anfängern, dass sich Wetter und Gezeiten nicht nach unserem Willen richten und, dass wir uns stets der Natur ehrfürchtig unterordnen. Zu jedem nahenden Tiefdruckgebiet mahnen wir, bei der Törnplanungen Schlechtwetterpausen vorzusehen.

Eine Pandemie ist übrigens auch ein Naturphänomen. Schneidet uns Hochwasser vom Steg ab, haben wir vielleicht Sorge um unser Boot. Dennoch nehmen wir die Kraft der Umwelteinflüsse als gegeben hin. Nun hat eine Pandemie den Zugang zum Boot in Deutschland für viele Segler einige Wochen quasi unmöglich gemacht. Häfen waren geschlossen, Events mussten abgesagt werden. Törnpläne wurden begraben. Das alles ist schade. – „Schade, aber

so what“, würde man beim Hochwasser sagen. – Würde man auch noch immer sagen, wenn ein Orkantief mit Ankündigung zur der Kieler Woche über Strande festliegt und hat man gesagt, als genau das beispielsweise bei der Nordseewoche 2016 dafür sorgte, das zwei Drittel der Teilnehmer in Cuxhaven blieben, statt nach Helgoland zu segeln.

Aber „So What“ kommt bei einer Pandemie offenbar schwerer über die Lippen. Stattdessen kocht die Stimmung, werden Hafenmitarbeiter, Politiker und sogar andere Segler beschimpft, nur weil in ihren Regionen andere Vorgaben gelten. Das liegt auch daran, dass an Bord, unter Deck, ein Sturm eben doch eher romantisch ist: Mit einer Wolldecke auf der Salonkoje, neben sich einem dampfenden Tee und mit einem Buch in der Hand.

„So What“ bleibt aber die gesunde Reaktion, wenn man eine Situation nicht ändern kann und öffnet die Möglichkeit, sich auf Alternativen zu fokussieren: Wer in Gedanken den Sturm verflucht, den Betreiber von Sturmwarnlampen oder den Meteorologen im Wetterbericht verantwortlich macht und alle zwei Minuten zum Ende der Mole geht, um dort den Seegang zu begutachten, der kann keine Sturmromantik erleben, keinen Tee neben sich haben und keine Seite weiter in seinem Buch lesen. Für andere wirkt er aufgescheucht, unruhig, panisch.

Zuhause dem Heulen eines Sturms zuhören ist Verständlicherweise nicht ganz so einfach. Doch bei genauem Hinsehen ist eine Pandemie ja auch nur so ein Sturm. Also besinnen wir uns auf Attribute, mit denen wir uns als Kapitäne sonst auch gern schmücken, setzen einen Tee auf, bleiben ruhig, tiefenentspannt und souverän in jeder Lage:

„So what“, dann nähe ich halt mal die muffigen Polsterbezüge neu, und fahre eben nächstes Jahr zum Oslofjord.